Wozu Geschichten in der Lage sind

Vor ein paar Semestern hat mich eine meiner Dozentinnen an der Uni einmal dazu ermuntert, einen Text über mein schönstes Leseerlebnis zu verfassen. Ich musste nicht lange überlegen, mir schwebte umgehend vor, über was ich schreiben würde. Das unter Schreiberlingen allgemein weit verbreitete – und gefürchtete – Problem der Schreibblockade ist mir in der Regel fremd. Auf das Thema komme ich zwar nicht immer von selbst, aber sobald mir jemand sagt, ich solle mir zu diesem oder jenem Gedanken machen, dann greift ein Zahnrad in das nächste und in meinem Kopf läuft es ganz von selbst.

Dennoch beschreibt die Schilderung, die nun folgt, nicht unbedingt mein „schönstes“ Leseerlebnis meiner noch relativ kurzen Existenz. Aber es erzählt vom Nachdrücklichsten, Intensivsten. Dieser Beitrag erzählt von demjenigen Leseerlebnis, das mir in besonderer Erinnerung geblieben ist und mich stets jene starken Gefühle erneut durchleben lässt, wann immer ich daran zurückdenke.

Das Buch, um das es dabei geht, trägt den leider unglaublich geschwollenen Titel Als wir unsterblich waren. Der erinnert sehr an das kitschig klingende Kollektiv deutscher Nicholas-Sparks-Romane. (Von denen ich immer vergesse, welche Geschichte jetzt zu welchem Titel gehört…die klingen alle gleich!) Mein Buch jedoch wurde von der damals noch relativ unbekannten deutschen Schriftstellerin Charlotte Roth verfasst. Sie verarbeitet darin in abstrahierter und veränderter Form ihre Eindrücke der Teilung Deutschlands in West und Ost im vergangenen Jahrhundert. Doch dies ist nur die Rahmenhandlung des Romans. In der Binnengeschichte schildert Roth mit einer beeindruckenden Einfühlsamkeit und Anschaulichkeit die Geschichte Deutschlands während der beiden Weltkriege. Inzwischen ist diese Thematik zu ihrem Steckenpferd geworden, im April 2019 veröffentlicht sie ihren sechsten Roman.

Aus dem Geschichtsunterricht meiner Schulzeit sind mir die historischen Eckdaten und Schlüsselereignisse zwar bekannt, jedoch wirkten sie damals auf mich immer wie etwas, das nichts mit mir zu tun hatte, weit entfernt und deshalb zweidimensional. Durch Roths Roman wurde für mich die deutsche Geschichte zum ersten Mal wirklich plastisch und greifbar, weil  die Autorin sie geschickt in ihre fiktive, mitreißende Romanhandlung verpackt und auf diese Weise unbewusst an den Leser – mich in diesem Fall – vermittelte. Doch das war nicht der eigentlich überzeugende Teil des Romans.


„Don‘t judge a book by it‘s cover“

Genau meins!

Ursprünglich hatte ich ihn mir nämlich gekauft, weil es kurz vor dem Semesterferien gewesen war und ich meiner umfangreichen Sammlung von Urlaubslektüre ein weiteres Werk hinzufügen wollte, denn im Koffer war noch etwas Platz und ich hatte nicht vor, nach einer Woche dann plötzlich ohne Buch am Strand zu liegen. Es wäre übertrieben zu sagen, dass mir das relativ schlicht in Schwarzweiß gehaltene Cover ins Gesicht sprang, aber es gelang ihm zumindest, sich von der breiten Masse in der Buchhandlung abzuheben. Deshalb dachte ich mir: Ja, kann man für 10 Euro mal mitnehmen. Format und Haptik waren ebenfalls in Ordnung.

Im Urlaub aber wanderte das Buch im Koffer zwischen den ungetragenen Klamotten und sandigen Handtüchern immer weiter nach unten, weil ich mich aus unerfindlichen Gründen nicht dazu aufraffen konnte, es zu lesen. Nebenbei erschienen mir meine anderen literarischen Eroberungen um Einiges spannender. Doch da irrte ich mich.

Mechanisch arbeitete ich mich während der zwei heißen Wochen an Strand und Pool durch den mitgeschleppten Privatbibliotheksbestand, und war danach zwar erholt und entspannt, mit der Urlaubslektüre hingegen nicht ganz so zufrieden, als ich wieder in der Heimat angekommen war. Weil ich aber noch genügend Muße und keinen anderen Lesestoff mehr übrig hatte, griff ich notgedrungen zum verbliebenen „Kofferhüter“. Rückwirkend muss ich sagen: Gott sei Dank. Denn selten – oder überhaupt noch nie, soweit ich mich erinnern kann – hat mich eine Veröffentlichung in einem solchen Ausmaß mitgenommen und in seinen Bann geschlagen. Ich war während des Lesens gefesselt, die Außenwelt war vollkommen ausgeblendet, weshalb ich den gesamten Tag und die halbe Nacht nur im Bett lag und das Buch nicht aus der Hand legen konnte….bis ich es schließlich doch musste, weil ich es emotional nicht mehr aushielt. Absolut ausgelaugt versuchte ich einzuschlafen, nachdem ich in kürzester Zeit die gesamte Bandbreite der menschlichen Gefühlspalette durchlebt hatte. Und zugegeben: Es flossen nicht wenige Tränen. Aber auch lachen musste ich – sogar laut – was ich noch nie zuvor beim Lesen getan hatte. Es ist schon fast ein bisschen beschämend zuzugeben, aber ich war überdies kurz davor, das Buch vor lauter Wut über die Dummheit der Protagonisten und die nervenzerreißenden, dramatisch-schicksalhaften Wendungen der Handlung an die Wand zu werfen.

Am Ende tat ich es aber doch nicht. Beinahe ehrfürchtig saß ich da und dachte ein paar Momente lang nach, bis ich mich dazu durchringen konnte, die letzte Seite umzublättern und Als wir unsterblich waren ins Regal zu stellen.

Natürlich handelt es sich hierbei um keine wirklich intellektuell anspruchsvolle Literatur. Das ist mir als Literaturwissenschaftlerin wohl bewusst. Das Buch ist eine kleine Ablenkung, ein literarischer Leckerbissen zwischen all den anstrengenden Lesehürden meines damaligen Studentendaseins. Aber selten habe ich einen Roman gelesen, der eine solche Wirkung – und Nachwirkung – auf mich hatte, weshalb ich ihn mit Freuden weiterempfehle.

Letztendlich bewahrheitete sich der schon allzu oft gebrauchte Spruch „Don‘t judge a book by it‘s cover“ – in diesem Fall „by it‘s Klappentext“ – für mich.

Wie ist das bei euch? Gibt es auch ein Buch oder eine Geschichte, die in euch solche Reaktionen ausgelöst hat?