„Wer zuhört, begibt sich in Gefahr, überzeugt zu werden.“ Eine Kritik

Ein Ausflug in die deutsche Nachkriegsgeschichte mit „Wir sehen uns unter den Linden“ – Charlotte Roth (Rezensionsexemplar)

Wer sich an einen meiner früheren Artikel erinnert, der wird folgende Autorin bereits kennen: Charlotte Roth. Ihr Debütroman Als wir unsterblich waren  ist für mich bis heute eine der berührendsten, nachhaltigsten und – leider auch – zu Unrecht unterschätzten Geschichten, die ich in meinem Leben gelesen habe. Würde mich jemand morgen spontan fragen, welche zeitgenössischen deutschen SchriftstellerInnen ich ihm empfehlen würde, dann stünde Roths Name wahrscheinlich zu alleroberst auf meiner Liste.

Mit ihrem neusten Roman Wir sehen uns unter den Linden hat sie es wieder einmal geschafft: Nachdem ich von den letzten beiden Büchern – Wenn wir wieder leben und Bis wieder ein Tag erwacht – leider weit weniger angetan war wie von den ersten dreien (Als wir unsterblich waren, Als der Himmel und gehörte, Weil sie das Leben liebten), setzte ich große Hoffnungen in das neuste Buch. Und Roth hat mich nicht enttäuscht.

Nach üblicher Manier erzählt sie in zwei Epochen mit einer lebensbejahenden Leichtigkeit einerseits und mit einer süßen, dramatischen Schwere andererseits von den Schicksalen der sechszehnjährigen Susanne und ihrem friedfertigen, gutgläubigen Vater – einem überzeugten Sozialisten. Die Autorin spinnt wie üblich ein engmaschiges Netz zwischen Vergangenheit und Gegenwart in Ost Berlin zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ausgehend von den Biografien unterschiedlicher Einzelpersonen breitet Roth den Inhalt des kollektiven, deutschen Gedächtnisses vor dem Leser aus. So zeigt die studierte Berliner Literaturwissenschaftlerin in ihrem inzwischen sechsten Roman erneut,  dass die Vergangenheit stets Einfluss auf die gelebte Gegenwart hat, wir ihr nicht entfliehen können, ob wir wollen oder nicht.

 Stets spielt auch die Liebe eine tragende Rolle: Sie ist Motivation und Verhängnis zugleich –  und genau aus diesem Grund ist der Roman derart spannend und der Ausgang, obwohl dem Leser die deutsche Nachkriegsgeschichte inzwischen hinreichend bekannt sein sollte, bis zum Schluss nicht vorhersehbar.

Ich bin ein Koch, in meinem Fach versteht man etwas von Dingen, die zusammenpassen. Es sind nicht die, die sich gleichen, die sind es in den seltensten Fällen. Es sind die, die sich herausfordern, die einander im Widerstreit das Beste entlocken und die sich am Ende ergänzen.“ S. 235

Zudem erzählt die Autorin auch immer von dem, was uns Menschen im Herzen alle antreibt: Von der Liebe. Hat nicht auch bereits Goethe gesagt: In allen vorstellbaren Facetten erfährt der Leser von der Liebe, von Hoffnungen und Träumen, von Ideen und Begeisterung.

Zudem sind Roths Figuren bestechend nahbar. Sie lassen Menschliches erkennen, sie haben Charakter und sind keine vorhersehbaren Typen, die erwartbare Klischees erfüllen.

Für mich hat Charlotte Roth es ein weiteres Mal geschafft, die einmal mehr, mal minder breite Lücke zwischen Trivial- und Hochliteratur zu überbrücken. Ihr gelingt es auf meisterhafte Weise, beinahe jeden Geschmack zu bedienen. Vorrangig würde man Charlotte Roth wohl in die belletristische Frauenliteratur einordnen, doch ich bin der festen Überzeugung, dass auch der ein oder andere Mann und alle historisch Interessierten sich einer Lektüre erfreuen werden, denn es ist offensichtlich, dass die Autorin großen Wert auf historische Genauigkeit legt, eine gewisse Plicht an der Berichterstattungerfüllt. Dass dieser Arbeit wieder einmal eine akkurate Recherche vorausgegangen sein wird, ist gewiss.

Ja, Charlotte Roths Geschichten haben nie ein Happy End im klassischen Sinn. Sie sind immer auf eine gewisse Art tragisch und verbreiten ein Gefühl von Melancholie und Sehnsucht.

Ja, sie stecken voller zunächst hoffnungsfroher, bald aber gescheiterter Existenzen, denen man nicht selten zurufen möchte: „Stopp, bleib stehen, du rennst doch in dein eigenes Verderben! Dreh dich um und schau dich noch einmal um, schau auf, und erkenne, was um dich herum passiert!“

Ja, ihre Erzählungen hinterlassen stets einen bitteren Nachgeschmack. Aber vielleicht ist es auch genau das, was wir in der heutigen Zeit brauchen. Denn wenn wir schon in unserer eigenen Gegenwart die Fehler der Menschheit nicht erkennen wollten, dann können wir es vielleicht rückwirkend durch das Bewusstwerden unserer Vergangenheit.

Lediglich eine Sache möchte ich bemängeln: Die Titel. Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese von Buch zu Buch immer kitschiger und nichtssagender werden. Sie bleiben nicht im Kopf, und wenn doch, dann vermengen sie sich zu einem Einheitsbrei aus zu vielen Worten, die niemand mehr entwirren und korrekt zuordnen vermag. Sie nähern sich gefährlich den ebenso misslungenen deutschen Titeln der Romane von Nicholas Sparks, die sich ebenfalls keiner vollständig merken kann. Mir leuchtet zwar ein, warum solche Titel wiederholt gewählt werden, sie enthalten immer eine Referenz auf den Inhalt. Jedoch werden sie nicht nur zunehmend länger, sondern auch weniger greifbar und ebenso schnell lächerlicher. Die Romane von Charlotte Roth werden auf diese Weise in eine Sparte manövriert, in die sie zum Teil zwar gehören, auf der anderen Seite wird einem anderweitig interessierten Leser der Zugang aufgrund einer misslungenen Titelwahl verhindert und dem Roman seine verdiente Anerkennung erschwert.

Ein etwas sorgfältiger ausgewählter, weniger abgeschmackter Titel würde meiner Meinung dem Erfolg sicherlich keinen Abbruch tun, sondern die Zielgruppe – und damit verbunden letztendlich auch Reichweite und Ressonanz – erheblich und sinnvoll erweitern.

Mit ihrem aktuellen Roman setzt die wunderbare Schriftstellerin der deutschen Geschichte, die nie vergessen werden sollte, ein weiteres Mal ein Mahnmal, ohne dabei irgendwem zu nahe zu treten.

Schon eine kleine Roth-Bibliothek