„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet.“
Es ist fast so, als ob Delphine de Vigan in die verworrenen Köpfe der Menschen voller verwirrender Pfade schauen könnte, wenn man ihre scharfen Beobachtungen liest. „Loyalitäten“ ist ein eindrucksvolles Buch, von dessen Sorte es deutlich mehr geben sollte. Seine knapp 180 Seiten haben es wirklich in sich. Doch manchmal benötigt es nicht viele Worte, um jemanden aufzurütteln. Manchmal reicht auch nur ein einziger Satz: „Ich bin da.“
Delphine
de Vigan ist nicht umsonst eine der gegenwärtig wichtigsten Stimmen
Frankreichs. In ihrem aktuellen Buch beschreibt sie zugleich einfühlsam und
schonungslos, zu welchem Schmerzempfinden und Leid die Menschen fähig sind – ob
sie es sich selbst zufügen oder anderen, ob sie es wissentlich tun oder
vollkommen ohne Absicht. Nicht einmal Kinder bleiben davon verschont.
Die
Französin porträtiert Menschen, die gefangen sind in „Loyalitäten“, unfähig
auszubrechen, zum Stillstand verdammt. Man stellt sich unweigerlich die Frage:
Ist der Grund für ein solches Verhalten lediglich purer Egoismus oder wahrhaftige
Loyalität? Ist es stupide Akzeptanz oder aufgezwungene Ohnmacht?
Vigan
wählt dafür eine Sprache, wie sie nur sehr selten zu finden ist: Bildhaft,
jedoch nicht romantisch, beschreibend, jedoch nicht zu sehr ausschmückend,
bedacht, aber nicht langweilig. Im Ausdruck ist ihr Schreibstil fantastisch. Und
ihre Beispiele sind derart treffend, dass es schon beinahe beängstigend ist.
Die Geschichte macht wütend, ohne einen Schuldigen zu liefern; sie macht betroffen, ohne eine wirkliche Unmittelbarkeit zuzulassen, sie macht schuldlos schuldig. Und vielleicht erreicht sie es doch, uns alle wachzurütteln.
Kennt ihr das auch? Diese nervige Frage, die jeden Sonntagnachmittag im Kopf auftaucht: „Was esse ich diese Woche zum Lunch auf der Arbeit?“
Solange ich Studentin war, hat sie mich nicht sonderlich groß beschäftigt. Da ich immer mit Kommilitonen in die Mensa gegangen bin und am Wochenende mit Freunden etwas gekocht habe, wo immer jemand eine tolle Idee für mehrere Leute hatte, musste ich nicht groß darüber nachdenken.
Seit einiger Zeit arbeite ich aber Vollzeit im Büro. Da machen wir alle zusammen Pause und spätestens am dritten Tag hatte ich verstanden, dass sich die anderen nicht „nur“ ein belegtes Brötchen zum Lunch mitnehmen. Zudem fühlte ich mich zu sehr an meine früheren Schulpausen erinnert. Ich wollte also auch ein warmes Mittagessen, eine langfristige Idee dafür hatte ich aber nicht.
Welches Gericht ist denn leicht, schnell gekocht und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich an die Mittagspause denke? Und was lässt sich auch noch gut mit auf die Arbeit nehmen? Ich wollte frische, gesunde, bunte und aufregende Dinge zum Lunch essen können, ohne schlechtes Gewissen oder Langeweile…oder verzweifelte Blicke in den Kühlschrank am Sonntagabend. Und das am besten alles in einem. Denn obwohl ich auch immer wieder Rezepte aus Magazinen umsetze, finde ich es auf die Dauer ziemlich aufwendig, sich diese zusammenzusammeln, einzukleben, aufzuheben etc.
Lange war ich jedoch nicht ratlos, denn ich stieß auf das Buch „Pause im Glas“. Das war genau die Inspiration, nach der ich gesucht hatte.
(Rezensionsexemplar)
In dem Buch
stecken neben Rezepten für „Energiepakete & Wachmacher“ oder Salate auch
tolle Ideen für Suppen und andere leckere Lunchgerichte. Meistens sind sie auch
für eine Person konzipiert, sodass man prima planen und kalkulieren kann. Der
Clou an dem Konzept von „Pause im Glas“ ist, dass man das zubereitete Essen in Einmachgläsern
aufbewahrt und transportiert. So bleibt es haltbar, frisch und frei von
umweltbelastenden Plastikverpackungen. Ich bin bei Weitem kein Superöko, freue
mich aber immer, wenn ich in dieser Hinsicht ein bisschen achtsamer leben kann.
Bisher habe ich
zwei Rezepte ausprobiert und bin sehr zufrieden. Die Gerichte sind super lecker,
unkompliziert, lassen aber auch genug Spielraum für Abwandlungen. Und da ich
ein großer Fan von asiatisch angehauchtem Essen bin, bin ich hier bestens
bedient.
Das Kichererbsencurry habe ich ausprobiert. Da momentan keine Kürbissaison ist, habe ich ihn kurzerhand durch eine Süßkartoffel ersetzt
Überdies möchte
ich auch noch sagen, dass ich ein großer Verfechter von gedruckten (Koch)büchern bin. Zwar lässt sich nichts gegen ein
schnell eingetipptes Rezept in Google sagen, doch habe ich mich schon viel zu
häufig darüber geärgert, wenn mir während dem Kochen das Handydisplay
ausgegangen ist, ich mit verschmierten Fingern wieder die PIN eintippen musste
oder das Format einfach zu klein war. In einem gedruckten Buch hingegen kann
man unbeschwert blättern, man hat es immer parat in der Küche liegen…und kann
bei Bedarf auch unkompliziert Notizen hinzufügen 🙂
Und über die inspirierenden Bilder, die man anschauen kann, muss ich wahrscheinlich auch nicht mehr sagen, oder?
Was esst ihr denn so in der Mittagspause? Kauft ihr euch immer etwas oder nehmt ihr euch was von zuhause mit?
Oh, she’s sweet but a psycho A little bit psycho At night she’s screamin‘ „I’m-ma-ma-ma out my mind“ Oh, she’s hot but a psycho So left but she’s right though At night she’s screamin‘ „I’m-ma-ma-ma out my mind“
Ava Max „Sweet but psycho“
Ok, ich weiß, diesen Monat bin ich mit meinem Rückblick wirklich spät dran. Aber ich habe auch eine gute Ausrede parat. Eine wirklich gute. Damit werde ich die Geister vermutlich scheiden und mir nicht unbedingt neue Freunde machen, aber ich muss zugeben, dass ich im Februar zu den wahren „Narren“ gehöre.
„Zicke-zacke, Zicke-zacke,…“
„Heuheuheu!!“
„Nari“ –
„Naro“
Na, wer kennt diese Worte? 🙂 Die meisten werden sie erkannt haben, auch, wenn sie sie nicht so gerne hören wie ich.
Gerne gebe ich offen zu: Ich liebe Fasching und alles (naja, fast alles…bis auf die ganz schrägen Typen, die im Suff unkontrolliert umhertorkeln und nach einer Woche Alkoholdauerkonsum nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind), was damit zusammenhängt. Es gibt, abgesehen von ein paar Ausnahmen, so viele tolle Dinge, die den Karneval zu einem unverwechselbaren Erlebnis machen – zumindest für mich und meine Freunde. Allem voran steht für mich:
Das Verkleiden.
Jedes Jahr aufs Neue gehe ich vollkommen darin auf, mir auszudenken, in welche Rollen ich schlüpfen werde. Zu jeder Veranstaltung gehört dann natürlich auch ein extra Kostüm, das versteht sich ja von selbst. Ich war schon Indianer, Matrosin, Zirkusdirektorin, Blümenmädchen, Cowgirl, Apfel, Teufel, Engel…und dieses Jahr ging ich als 20er-Jahre Flappergirl. Dieses Kostüm gehört zu meinen absoluten Favoriten. (Und das nicht nur, weil „The great Gatsby“ zu meinen Lieblingsfilmen gehört oder man das glitzernde Kleid auch problemlos zu jedem weiteren halbwegs schicken Anlass tragen kann).
Ich bin mit dieser Kultur aufgewachsen, sie ist ein Teil von mir. Die fünfte Jahreszeit gehört halt zu meinen liebsten. Acht Jahre lang habe ich Garde und Showtanz in zwei verschiedenen Vereinen getanzt, bin bei diversen Umzügen mitgelaufen oder auf einem rot-gelben bzw. blau-weißen Wagen mitgefahren. Das Grölen von derben Faschingsliedern, das Frieren in so mancher Februarkälte und das alljährliche Verkleiden sind deshalb als fester Bestandteil in meinen Terminkalender integriert.
Um aber zu
meiner Ausrede zurückzukommen: Die ausgiebige Planung und Durchführung des
Karnevals 2019 hat schlicht und einfach meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht.
Aber noch länger wollte und konnte ich den Blog nicht vernachlässigen, dazu
schreibe ich zu gerne.
Anfang dieses Monats bin ich auch ganz schön in Deutschland herumgekommen: So war ich nicht nur in Offenburg und Ulm unterwegs (wo ich mich mit einer guten Freundin getroffen habe), sondern auch in Köln (aber noch vor Fasching. In der Hochburg wäre es selbst mir zu viel geworden). Meine Schwester und ich waren auf einem Konzert von Hayley Kiyoko. Wer soll das sein, werden sich hier vielleicht ein paar Leute fragen. Kennt ihr noch „Lemonade Mouth“? Für Millenials wie mich ist das eine der späteren Disneyproduktionen. Ein bisschen wie „High School Musical“, nur nicht ganz so schnulzig. Hayley spielt darin eine aufmüpfige, aber unterdrückte Teenagerin, die letztendlich ihre Erfüllung und neue Freunde in der gleichnamigen Band findet. In den vergangenen Jahren hat sich die Schauspielerin und Sängerin echt gemacht und wird in der Szene sogar als „lesbian jesus“ gefeiert. Ich muss sagen, ich habe selten eine so friedliche und coole Stimmung auf einem Konzert erlebt. Das war wirklich eindrucksvoll. Und wer eine derart wichtige Botschaft unter die Menschen bringt, den kann man nur unterstützen.
Wir sind dann auch eine Nacht in Köln geblieben und haben eines meiner Lieblingscafes dort besucht: „Herr Pimock“ in Ehrenfeld. Sollte jemand von euch mal dort sein, unbedingt den French Toast probieren! Und lasst euch auf keinen Fall den Kaffee der Rösterei „Van Dyck“ entgehen. Den trinke ich so gerne, dass ich ihn mir sogar von einer Freundin regelmäßig importieren lasse 🙂
An den Rheinterrassen
Alles in allem war im Februar also doch Einiges los.
Was mich diesen Monat sonst noch bewegt und beschäftigt hat, könnt ihr hier sehen:
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gelesen:
Die rote Königin – Victoria Aveyard
Gläsernes Schwert – Victoria Aveyard
Goldener Käfig – Victoria Aveyard
gehört:
What I need – Hayley Kiyoko
Sweet but psycho – Ava Max
TWENTY SOMETHING – Podcast von Lina Malon
gekauft:
The future is female – Scarlet Curtis
Die Netzwerkbibel – Tijen Onaran
Einen Büchereausweis für die Stadtbibliothek
gesehen:
Ulm, Offenburg, Köln
Maria Stuart
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Ich traue mich zwar kaum zu fragen…aber gibt es hier jemanden, der Fasching auch so sehr feiert wie ich?
Vor
ein paar Semestern hat mich eine meiner Dozentinnen an der Uni einmal dazu
ermuntert, einen Text über mein schönstes Leseerlebnis zu verfassen. Ich musste
nicht lange überlegen, mir schwebte umgehend vor, über was ich schreiben würde.
Das unter Schreiberlingen allgemein weit verbreitete – und gefürchtete – Problem derSchreibblockade ist mir in der Regel fremd. Auf das Thema komme ich
zwar nicht immer von selbst, aber sobald mir jemand sagt, ich solle mir zu
diesem oder jenem Gedanken machen, dann greift ein Zahnrad in das nächste und
in meinem Kopf läuft es ganz von selbst.
Dennoch beschreibt die Schilderung, die nun folgt, nicht unbedingt mein „schönstes“ Leseerlebnis meiner noch relativ kurzen Existenz. Aber es erzählt vom Nachdrücklichsten, Intensivsten. Dieser Beitrag erzählt von demjenigen Leseerlebnis, das mir in besonderer Erinnerung geblieben ist und mich stets jene starken Gefühle erneut durchleben lässt, wann immer ich daran zurückdenke.
Das Buch, um das es dabei geht, trägt den leider unglaublich geschwollenen Titel Als wir unsterblich waren. Der erinnert sehr an das kitschig klingende Kollektiv deutscher Nicholas-Sparks-Romane. (Von denen ich immer vergesse, welche Geschichte jetzt zu welchem Titel gehört…die klingen alle gleich!) Mein Buch jedoch wurde von der damals noch relativ unbekannten deutschen Schriftstellerin Charlotte Roth verfasst. Sie verarbeitet darin in abstrahierter und veränderter Form ihre Eindrücke der Teilung Deutschlands in West und Ost im vergangenen Jahrhundert. Doch dies ist nur die Rahmenhandlung des Romans. In der Binnengeschichte schildert Roth mit einer beeindruckenden Einfühlsamkeit und Anschaulichkeit die Geschichte Deutschlands während der beiden Weltkriege. Inzwischen ist diese Thematik zu ihrem Steckenpferd geworden, im April 2019 veröffentlicht sie ihren sechsten Roman.
Aus dem Geschichtsunterricht meiner Schulzeit sind mir die historischen Eckdaten und Schlüsselereignisse zwar bekannt, jedoch wirkten sie damals auf mich immer wie etwas, das nichts mit mir zu tun hatte, weit entfernt und deshalb zweidimensional. Durch Roths Roman wurde für mich die deutsche Geschichte zum ersten Mal wirklich plastisch und greifbar, weil die Autorin sie geschickt in ihre fiktive, mitreißende Romanhandlung verpackt und auf diese Weise unbewusst an den Leser – mich in diesem Fall – vermittelte. Doch das war nicht der eigentlich überzeugende Teil des Romans.
„Don‘t judge a book by it‘s cover“
Genau meins!
Ursprünglich
hatte ich ihn mir nämlich gekauft, weil es kurz vor dem Semesterferien gewesen war
und ich meiner umfangreichen Sammlung von Urlaubslektüre ein weiteres Werk
hinzufügen wollte, denn im Koffer war noch etwas Platz und ich hatte nicht vor,
nach einer Woche dann plötzlich ohne Buch am Strand zu liegen. Es wäre
übertrieben zu sagen, dass mir das relativ schlicht in Schwarzweiß gehaltene
Cover ins Gesicht sprang, aber es gelang ihm zumindest, sich von der breiten
Masse in der Buchhandlung abzuheben. Deshalb dachte ich mir: Ja, kann man für
10 Euro mal mitnehmen. Format und Haptik waren ebenfalls in Ordnung.
Im
Urlaub aber wanderte das Buch im Koffer zwischen den ungetragenen Klamotten und
sandigen Handtüchern immer weiter nach unten, weil ich mich aus unerfindlichen
Gründen nicht dazu aufraffen konnte, es zu lesen. Nebenbei erschienen mir meine
anderen literarischen Eroberungen um Einiges spannender. Doch da irrte ich mich.
Mechanisch arbeitete ich mich während der zwei heißen Wochen an Strand und Pool durch den mitgeschleppten Privatbibliotheksbestand, und war danach zwar erholt und entspannt, mit der Urlaubslektüre hingegen nicht ganz so zufrieden, als ich wieder in der Heimat angekommen war. Weil ich aber noch genügend Muße und keinen anderen Lesestoff mehr übrig hatte, griff ich notgedrungen zum verbliebenen „Kofferhüter“. Rückwirkend muss ich sagen: Gott sei Dank. Denn selten – oder überhaupt noch nie, soweit ich mich erinnern kann – hat mich eine Veröffentlichung in einem solchen Ausmaß mitgenommen und in seinen Bann geschlagen. Ich war während des Lesens gefesselt, die Außenwelt war vollkommen ausgeblendet, weshalb ich den gesamten Tag und die halbe Nacht nur im Bett lag und das Buch nicht aus der Hand legen konnte….bis ich es schließlich doch musste, weil ich es emotional nicht mehr aushielt. Absolut ausgelaugt versuchte ich einzuschlafen, nachdem ich in kürzester Zeit die gesamte Bandbreite der menschlichen Gefühlspalette durchlebt hatte. Und zugegeben: Es flossen nicht wenige Tränen. Aber auch lachen musste ich – sogar laut – was ich noch nie zuvor beim Lesen getan hatte. Es ist schon fast ein bisschen beschämend zuzugeben, aber ich war überdies kurz davor, das Buch vor lauter Wut über die Dummheit der Protagonisten und die nervenzerreißenden, dramatisch-schicksalhaften Wendungen der Handlung an die Wand zu werfen.
Am Ende tat ich es aber doch nicht. Beinahe ehrfürchtig saß ich da und dachte ein paar Momente lang nach, bis ich mich dazu durchringen konnte, die letzte Seite umzublättern und Als wir unsterblich waren ins Regal zu stellen.
Natürlich handelt es sich hierbei um keine wirklich intellektuell anspruchsvolle Literatur. Das ist mir als Literaturwissenschaftlerin wohl bewusst. Das Buch ist eine kleine Ablenkung, ein literarischer Leckerbissen zwischen all den anstrengenden Lesehürden meines damaligen Studentendaseins. Aber selten habe ich einen Roman gelesen, der eine solche Wirkung – und Nachwirkung – auf mich hatte, weshalb ich ihn mit Freuden weiterempfehle.
Letztendlich bewahrheitete sich der schon allzu oft gebrauchte Spruch „Don‘t judge a book by it‘s cover“ – in diesem Fall „by it‘s Klappentext“ – für mich.
Wie ist das bei euch? Gibt es auch ein Buch oder eine Geschichte, die in euch solche Reaktionen ausgelöst hat?
„Diese Welt ist silber, aber sie ist auch grau.
Es gibt weder Schwarz noch Weiß.“ (S. 286)
(Rezensionsexemplar)
Die Welt ist geteilt in zwei (Blut)Fraktionen: Auf der einen Seite existiert die überlegene, herrschende und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattete Klasse der Silbernen und auf der anderen stehen die ausgebeuteten und von Armut gequälten Roten. Dazwischen findet sich die junge Protagonistin Mare Barrow wieder.
Durch schicksalshafte Wendungen gerät sie mitten hinein in die elitäre Gesellschaft der Silbernen – als eine von ihnen. Doch befindet sich die Welt, wie sie sie kennt, im Umbruch. Mare muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen will und zu welchen Opfern sie bereit ist. Sie trifft auf neue Verbündete, aber auch auf neue Feinde und muss auf die schmerzhafteste Weise lernen, dass wirklich jeder dazu in der Lage ist, dich zu hintergehen.
Ehrlicherweise
muss ich zuerst sagen: Ich hatte von Die
rote Königin nichts Besonderes erwartet. Zwar wusste ich, dass es sich
hierbei um einen Spiegel-Bestseller handelte, doch ich dachte mir, ich halte
einen weiteren Jugend-Fantasy-Roman aus dem gegenwärtig zuhauf publizierten
SciFi-Einheitsbrei in den Händen, um den in den Medien (zu) viel Wind gemacht
wird.
„Jeder kann einen verraten.“
Doch das Buch hat mich wider meine Erwartungen 100 %ig überzeugt. Nach 60 Seiten konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Ich fühlte mich bei der Protagonistin an die eigensinnige Katniss Everdeen erinnert (ich habe Die Tribute von Panem geliebt und tue es immer noch!), und in der Tat haben Aveyards und Collins Erzählungen einige Gemeinsamkeiten: Da gäbe es die mutige, aufmüpfige, aber irgendwie doch liebenswürdige Protagonistin mit hinreichend Identifikationpotenzial, die Dreiecksbeziehung, in der sie mit zwei konkurrierenden Kerlen steckt und die fantastische, in verfeindete Oppositionen geteilte Welt. Doch je weiter sich die Geschichte voran bewegte, desto mehr entfernte sich Aveyard von bereits Bekanntem, wurde immer individueller und unberechenbarer. Sie weiß gekonnt das Garn zu spinnen, aus dem gute Geschichten gemacht sind.
Was mich
besonders eingenommen hat, war Folgendes: Das Abenteuerliche – Neugierweckende –
das jedem Auftaktroman einer
mehrbändigen Reihe innewohnt, begegnete mir schon auf den ersten Seiten.
Natürlich besitzt jeder Fantasyroman diese Voraussetzungen; doch in Die rote Königin hat dieses Charakteristikum
derart intensiv auf mich eingewirkt, wie schon lange nicht mehr. Aveyards
fantastische Welt ist nah genug an Panem, Mittelerde oder der Tintenwelt dran,
um familiär zu wirken und das Niveau des Bekannten halten zu können, jedoch
auch weit genug davon entfernt, um durch seine Einzigartigkeit zu bestechen.
Um es kurz zu fassen besticht Die rote Königin durch unvorhersehbare Handlungsumschwünge, überzeugende Charaktere und einen unkonventioneller Plot, der Lust auf mehr machen. Schon jetzt habe ich mich nach dem zweiten Teil umgesehen und kann es kaum erwarten zu erfahren, wie es mit Mare, Cal und Maven weitergeht. Hoffentlich kann die Autorin das erreichte Niveau halten, ich bin gespannt.
Wenn mich
jemand spontan auffordern würde, aus dem Stehgreif ein einziges Kleidungsstück
aus meiner Garderobe auszuwählen und es zu meinem Lieblingsstück zu küren, dann
würde die Wahl wohl ohne großes Zögern auf meinen heißgeliebten zinnoberroten
Wollmantel fallen.
Seine auffallende
Farbe und sein klassischer Schnitt, diese konträre Kombination macht ihn
einfach zu einem zeitlosen und leicht zu kombinierenden Klassiker. Und das zu
jeder Gelegenheit. Denn er lässt sich sowohl im Alltag gut zu schlichten Teilen
tragen, als auch zu schickeren Anlässen – man muss lediglich das Schuhwerk
wechseln.
Meinen
roten Mantel habe ich im Herbst 2017 bei Mango ergattert – und seine
Beliebtheit ist bis heute ungebrochen.
Selten
wurde ich so oft auf ein Kleidungsstück angesprochen wie auf diesen einen roten
Mantel. Selten hab ich derart viel positive Resonanz auf ein Teil aus meiner
Garderobe erhalten.
Der rote
Mantel ist das It-Piece, durch das selbst das langweiligste oder schlichteste
Outfit ohne große Mühen aufgewertet werden kann. Rot ist eine Signalfarbe,
fällt in der Menge auf. Ein wenig Mut gehört schon dazu, ein Kleidungsstück in
dieser Farbe zu tragen. Bewege ich mich durch den morgendlichen Berufsverkehr
in öffentlichen Verkehrsmitteln, heben einige Frauen anerkennend die
Augenbrauen und so mancher männliche Blick folgt dem roten Teil. „Man hat dich
schon gesehen, als du ausgestiegen bist“, dies sagte mir mein Bruder, als er
mich in jenem Herbst am Bahnsteig der Deutschen Bahn abholte. In der Masse aus
schwarzen und grauen Mänteln, Capes und Jacken stach ich hervor wie ein
Kanarienvogel in den tristen Häuserschluchten New Yorks. Und da ich sowieso nur
knapp 1,60 m groß bin, kann ich in der Menge nicht mehr so leicht verloren
gehen 🙂
Dennoch ist
ein roter Mantel weniger aufdringlich und schrill wie andere ein Kleidungsstück
dieser Art in anderen Knallfarben: In Gelb oder beispielsweise Grün. Zwar ist
der marineblaue oder königsblaue Mantel ebenso ein Klassiker, der zweifellos in
jede Fashionista-Garderobe gehört. Doch es gibt einfach nichts Schöneres, als
im Herbst in der Natur unterwegs zu sein und mit den gelben, orangenen und
goldenen Blättern um die Wette zu leuchten. Da wird einem immer warm (ums Herz)
sein – unabhängig von jeglicher Außentemperatur. Blau wirkt im Vergleich zu Rot
stets kühler und distanzierter, passt sich somit der tristen Stimmung des
Winters an.
Nachweislich
hebt das Teil deshalb auch (meine) Stimmung: Ich freue mich jedes Mal aufs
Neue, wenn es das Wetter zulässt, meinen Lieblingsmantel zu tragen. Von einem
Ohr zum anderen grinsend marschiere ich durch die Innenstadt und genieße die
Wirkung, die er auf mich und meine Umgebung hat.
Deshalb
lohnt es sich immer, in einen roten Mantel zu investieren. Den Kauf habe ich
noch nie bereut.
(Ach…und für die Fashionistas unter meinen Lesern: An einem solchen Mantel lässt sich ein aktueller Trend bestens umsetzen: Das Comeback der Brosche! An meinem Mantelkragen trage ich zum Beispiel eine Spotttölpelbrosche (fangirl moment!). Für Unwissende erscheint sie als eine ganz normale Schmuckbrosche mit Tiermotiv – doch für Wissende ist es ein Bekenntnis: Ich bin Teil der Rebellion!)
Ein Dankeschön auch an die Fotografin. Die Bilder hat meine liebe Freundin Isabel in Ulm mit mir gemacht.
Baby, you’re a dreamer You don’t know what I need, yeah Now, I know you got heart But come back from the stars ‚Cause baby you’re a dreamer And we all have a dream, yeah And we can’t live in the dark I can’t see where you are
LP – „Dreamer“
Der Monat Januar ist ja für die viele Menschen der Monat, für den die meisten Vorsätze gefasst werden. Man „rutscht“ ins neue Jahr mit Lebensoptimierungsgedanken und ein neuer Jahresbeginn fühlt sich auch oft so an, als würde im übertragenen Sinn die „Neustart“-Taste gedrückt werden.
(Die allgemeine Vorsatzstimmung ist diesen Januar in vielen Magazinintros und Blogbeiträgen verschiedener Influencer eher schlecht weg gekommen. InStyles Chefredakteurin Kerstin Weng schrieb beispielsweise:
„Aber mal ehrlich:Sind Sie auch etwas genervt von dem Druck, sich zwanghaft etwas ganz Tolles, Lebensveränderndes vorzunehmen oder – noch schlimmer – gleich eine ganze Liste mit diversen Vorsätzen abzuarbeiten?“
Entgegen dieses Trends finde ich den Gedanken eines Reboots eher hoffnungsvoll und motivierend als zwanghaft und nervig. Zudem wurde für mich diesen Januar auch wortwörtlich die „Neustart“-Taste gedrückt, denn ich beendete im Jahr 2018 mein Masterstudium und zog zurück in meine Heimatstadt.
Allerdings gestaltet sich mein Vorhaben schwieriger als angenommen. Das mit dem Neustart hatte ich mir ein wenig anders vorgestellt: Statt alles auf Anfang hänge ich momentan zwischen alten, aber vernachlässigten Bekannten und neuen, jedoch schwer einzuschätzenden Gesichtern; meine dunkle aber private 1-Zimmer-Wohnung tauschte ich gegen mein schmetterlingverziertes Jugendzimmer in einem Haus voller unterschiedlicher Meinungen und statt Tage in der vollen aber renommierten Unibibliothek verbrachte ich die ersten Wochen in der Küche, um meiner berufstätigen Restfamilie das Mittagessen zu kochen.
Alte Gewohnheiten, von denen ich dachte, ich hätte sie in den letzten 5 Jahren Abwesenheit abgelegt, tauchen auf einmal wieder aus der Versenkung auf, als hätten sie nur ein kurzes Nickerchen gemacht. Und mein enthusiastisch geplanter Start ins Berufsleben ähnelt – zumindest zur Zeit – eher den ersten holprigen Flugversuchen eines Kükens als den souveränen Manövern eines alteingesessenen Piloten. Hinzukommt noch, dass ich am 25. Januar meine Masterabschlussfeier hatte und zurück in meine Studienstadt gefahren bin. Dort habe ich dann 2 Tage verbracht, um Freunde und Lieblingsorte zu besuchen. Aber irgendetwas hatte sich verändert, selbst dort hing ich zwischen den Stühlen: Dort habe ich keine eigenen vier Wände mehr, (obwohl ich die Gastfreundschaft meiner lieben Freunde sehr zu schätzen weiß und mich auch dort sehr heimelig fühle), war aber 5 Jahre Teil der alteingesessenen Studentenschaft. Ich bin durch die Straßen gelaufen wie gewohnt und dachte, mir muss es doch anzusehen sein, dass ich kein Teil mehr von „hier“ bin. Ich glaubte, jeder müsste meinen „Betrug“ doch erkennen. Dass ich kein Teil mehr von dort war, obwohl Freiburg für immer ein Teil von mir sein wird.
Nichtsdestotrotz bin ich genau in diesem Moment glücklich.
Da mag es niemanden wundern, dass auch die Dinge, mit denen ich mich die vergangenen 4 Wochen beschäftigt habe und die mich inspiriert haben, ein Mix aus verstaubtem Gewohnten und erfrischendem Neuen sind:
Schlangenlederstiefeletten
von H&M (Blogpost hierzu folgt in Kürze)
Cat Person Kristen Roupernian
Von verlassenen Träumen & einem leichteren Morgen Clara Louise (Gedichte)
Wie sieht das bei euch so aus? Seid ihr eher für gezielte Vorsätze im neuen Jahr oder ist das euch egal und ihr baut Veränderungen immer dann in euer Leben ein, wenn ihr sie umsetzen wollt?
Ich weiß nicht, ob es unbedingt ratsam ist, meinen ersten Modeartikel
auf diesem Blog mit einem Text zu eröffnen, der Mode- und Konsumverhalten im
Eigentlichen kritisiert und dessen Schattenseiten (zwar auf humorvolle Weise,
aber dennoch) beleuchtet. Ebenso kontraproduktiv wäre es ja, würde ein
Fleischesser damit beginnen, die Vorteiler des Vegetarierdaseins aufzuzählen,
um sein Gegenüber davon zu überzeugen, hemmungslos dem Fleischverzehr zu frönen.
aAber vielleicht ist diese Herangehensweise der Angelegenheit nicht ganz so abträglich, wie anfangs angenommen. Die Absicht, für das Thema zu sensibilisieren und mit einem kritischeren Blickwinkel zu starten erhöht – so finde ich – denn Mehrwert des ganzen Unterfangens. Denn eigentlich ist es doch etwas Gutes, wenn man zeigen kann, dass man mit einem bewussten und selbstkritischen Blick mit Mode umzugehen versucht. Und dabei ist die Erkenntnis der erste Schritt zu Besserung. Ich will kein unbedachtes Konsumopfer und Modepüppchen sein, dass sich in die Heerscharen von naiven Mädchen einreiht, die entweder keine Ahnung haben, was in der Modebranche abgeht oder ignorant die Augen davor verschließen. Wenn es möglich ist, würde ich gerne alle Facetten abdecken. Aber jetzt einmal zum Wesentlichen:
Vor einiger Zeit war ich mit einer guten Freundin einkaufen.
Das hatte ich schon längere Zeit (eigentlich waren es nur 4 Wochen) nicht mehr
gemacht, weshalb ich mich sehr darauf freute und schon den Siegestaumel in mir
aufsteigen fühlte, den eine neue, grandiose Shopping-Trophäe für gewöhnlich
auslöst. Also ab in den nächsten Laden!
Erst einmal drinnen, steuerte ich zielstrebig den Stapel mit
den Jeans an, obwohl ich mir schon einige Zeit vorher eine wundervolle, perfekt
sitzende gegönnt hatte (was für eine Seltenheit, ihr kennt sicherlich das
Problem). „Aber egal“, dachte ich mir. Jahrelang hatte ich Probleme damit
gehabt, Hosen zu kaufen. Eigentlich war das ein Gewichtsproblem gewesen, das
wollte ich mir damals aber nicht eingestehen. Es war halt doch immer die Hose,
der Laden oder das Wetter schuld. Aber als ich letztes Jahr diesen einen Laden für mich (und meine
Schenkel) entdeckte, war es um mich geschehen. Endlich hatte ich einen Ausweg
aus dem verwirrenden Labyrinth der Hosengrößen gefunden! Wer weiß denn schon,
dass der Waschzettel Weite und Länge
angibt? (Was bedeutet jetzt 28/32? Die europäische Größentabelle beginnt doch
erst bei 32! ) Und dann ist das auch noch in jedem Geschäft anders.[1] Ich hatte nie zuvor eine solche Hose anprobiert,
allein aus Angst, am Ende in der Umkleidekabine mit einer Hose zu stehen, die
mir entweder nicht über die Schenkel passte oder so groß war, dass ich mühelos ein
drittes Bein reinpacken könnte. Außerdem kann ich ja nicht einen Stapel von 10
Hosen in die Umkleidekabine schleppen, in der minimalen Hoffnung, dass auch nur
eine annähernd passt und ich nicht, wie bei Hunkemöller, am Ende peinlich
berührt, demütig auf den Boden schauend und frustriert den ganzen anprobierten Haufen
auf den Rückgabetisch vor der Verkäuferin ablegen muss und vergeblich versuche,
ihrem vielsagenden und verurteilenden Blick auszuweichen. Es gab sie doch, die Jeans, die ich nicht unten umkrempeln und
oben mit einem Gürtel enger schnallen musste![2]
Diese Erkenntnis nun stetig folgend, kann ich von Jeanshosen aus besagtem Laden
nicht genug bekommen.
Nachdem ich also eine Hose in 28/30 aus dem Stapel gezogen
hatte, schritt ich triumphierend hinter den Vorhang. Diesen Prozess betrachtete
ich jedoch nur noch als Formalität. (In meinen Gedanken hatte ich die Hose
schon längst gekauft.) Dann kam der große Schock: Sie war zu groß! „Das wird ja
heute immer besser“, dachte ich und beauftragte die Verkäuferin, mir die Hose eine
Nummer kleiner zu bringen (Yay!!). Mit leeren Händen kehrte sie zurück und ich
war (beinahe) am Boden zerstört. Und genau an diesem Punkt beginnt ein mentales
Prozedere, von dem ich glaube, dass es von so ziemlich jeder Frau schon einmal
angewendet wurde. Ich nenne es:
„Das Schönreden“.
Dieser Vorgang tritt immer dann ein, wenn man ein richtig tolles
Teil entdeckt hat, sich aber nicht damit abfinden möchte, dass es nicht in der eigenen
Größe verfügbar ist. Dabei wird versucht, sich selbst und die eventuelle
Shoppingbegleitung davon zu überzeugen, dass das Teil doch irgendwie passt.[3]
Zu meiner Freundin sagte ich zwar, ich wisse noch nicht genau, ob ich die (nicht
passende!!) Hose kaufen würde, doch insgeheim war das doch eine Lüge. Eine
kleine. Ich wusste, ich würde sie kaufen. Einfach, weil ich sie haben wollte.[4]
Nachdem sie sich für einen tollen Pullover mit
U-Bootausschnitt entschieden hatte, machten wir uns auf den Weg zu Kasse. Selig
grinsend verließ ich danach den Laden und freute mich darauf, die Hose zuhause
noch einmal vor dem Spiegel anzuziehen und diverse Outfits auszuprobieren.
Dort erwartete mich allerdings die harte Realität in Form
meiner skrupellosen Schwester. „Die ist zu groß“, sagte sie vernichtend,
nachdem ich die Jeans stolz vorgeführt hatte. Ich zog einen Schmollmund.
„Findest du wirklich? Aber wenn ich vielleicht…“ – „Nein!“ – „Aber…“ – „Nö,
versuch‘s erst gar nicht, die ist und bleibt zu groß.“
Tja, was hatte ich mir nicht alles ausgemalt? Aber sie hatte
nun einmal Recht. In Gedanken sah ich das wahre Schicksal dieser Hose vor mir:
Ich würde sie in den nächsten Tagen irgendwann tragen. Einmal. Im Laufe des
Tages würde ich jedoch feststellen, dass dies und jenes nicht stimmt und, dass
alles mit der Größe zusammenhängt. Und dann würde sie, wie so viele andere vor
ihr, auf dem Friedhof der ungetragenen Kleidungsstücke vor sich hin gammeln,
bis ich mich dazu durchringen würde, sie auf dem Flohmarkt für einen ganz und
gar unpassenden und unwürdigen Preis zu verscherbeln. Falls sie dann überhaupt
wer haben möchte.
Also wurde ein Entschluss gefasst: Gleich morgen würde ich
sie zurückgeben. Über Nacht versuchte ich mich mehr oder weniger vergeblich
emotional auf den Verlust dieser wundervollen Hose einzustellen, die gar nicht
so wundervoll war. Wir hätten ein schönes gemeinsames Leben gehabt.
Das hat dann aber doch nicht so ganz geklappt. Aus terminlichen Gründen war es mir erst drei Tage später möglich, die Hose zurückzubringen. Wieder zurück im Laden, stellte ich mich meinem Schicksal. Doch irgendetwas hatte sich verändert. Die erste Verliebtheit, das Gefühl der vollkommenen Befriedigung war irgendwie… abgeflaut. Ich hatte mich an die Präsenz der Hose gewöhnt und war inzwischen bereit für was Neues. Als ich mich während des Umtauschprozesses, bei dem ich Name, Alter, Adresse, Rückgabegrund, Blutgruppe, Krankenkassen- und Sozialversicherungsnummer vorlegen musste, ließ ich den Blick unwillkürlich durch den Laden schweifen. Was ich mir nun alles von dem Geld kaufen konnte, das ich gleich zurückerhalten würde![5] Es war, als ob ich unverhofft ein bisschen Geld von meiner Oma zugesteckt oder auf der Straße gefunden hatte! Ein Gedanke begann in mir zu reifen. Das könnte ich ja noch viel öfter machen: Etwas kaufen, das ich gerne haben würde, ein paar Tage bei mir liegen lassen und mich daran gewöhnen und dann wieder zurückgeben, etwas Neues entdecken, wieder mitnehmen…
HALT, Stopp!!
In diesem Moment wurde mir aber klar, was ich da eigentlich
gedacht hatte. Ich war ja schon übergeschnappt. Das hat ja schon was von einem
Bulimiekranken. Erst etwas essen, auf diese Weise ein Bedürfnis befriedigen und
das Ganze ein wenig später wieder erbrechen, weil man nicht mit den
Konsequenzen dieser Entscheidung leben will. „Nein, so geht das wirklich
nicht“, schimpfte ich mich selbst. Ganz oder gar nicht, ich will keine halben
Sachen machen. Und damit verscheuchte ich den Gedanken auf nimmer Wiedersehen.
[1] Und
nicht nur das: Manchmal gibt es auch welche in S, M und L (übrigens US-Größen),
manchmal in Doppelgrößen wie 36/38 und manchmal in Einzelgrößen. Und irgendwo
existiert auch noch die britische Zahlentabelle! Wer soll denn da noch
durchblicken?
[2] Und dann
gibt es da noch diese komische Beule vorne am Schritt, die sich immer bildet,
wenn man sich hinsetzt, so dass man aussieht, als hätte man eine überdimensionale
Blase. Oder ein Kängurubaby. Oder die Genitalien eines Mannes.
[3] Daheim
wird sich aber zeigen, was man schon von Beginn an wusste: Das neu gekaufte
Teil landet zwar im Trophäenschrank….aber verstaubt dort wie jedes andere
Kleidungsstück, das unter derselben Voraussetzung gekauft wurde – der Hoffnung,
dass man doch irgendwann da reinpasst.
[4] Dazu muss
gesagt sein, dass es an diesem Tag auf alle Jeans noch 20 % Rabatt gab. Mir
blieb also nichts anderes übrig, als die Hose zu kaufen, ob ich wollte oder
nicht.
[5]
Eigentlich waren es nur 31,95 Euro, aber egal. Geld ist Geld.
Diesen erschütternden und zur selben Zeit unglaublich zynischen Satz musste ich vor kurzem im Feed einer Instragramerin lesen. Ich war… schockiert. Einerseits, weil ich ihr im ersten Moment bedingungslos recht geben musste. Die Aussage klingt einleuchtend.
Und andererseits, weil ich auf den zweiten Blick finde, dass sie vollkommen falsch liegt. So begann ich nachzudenken und meine Perspektive zu hinterfragen. Natürlich schuldet die Welt mir nichts: Kein großes Auto, nicht die Millionen im Eurojackpot, keine 10 Michael-Kors-Taschen und auch nicht das Fünf-Gänge-Menü jeden Abend im hippen Sushi-Restaurant in der Münchner Innenstadt.
Aber
was ist mit Anerkennung?
Mit
Respekt?
Mit Wertschätzung?
Ein Gedanke, der mir seit einiger Zeit im Kopf herumspuckt. Versteht mich bitte nicht falsch. Mir geht es nicht darum, mich selbst von außen bestätigt zu bekommen. Ich weiß, was ich kann und wer ich bin, damit habe ich mich in den letzten Jahren zu Genüge auseinandergesetzt. Aber was mich dermaßen entsetzt ist, dass positiver Aktivismus, Einsatz, Engagement und Tatendrang von unserem Gegenüber dermaßen häufig rücksichtslos gegen die Wand gefahren werden. Was viel zu oft vergessen wird, ist, dass hinter jedem Gesicht ein Leben steckt.
Lasst mich ein Beispiel hierfür geben: Seit ein paar Monaten befinde ich mich beruflich gesehen im freien Fall. Ich habe mein Studium mit eins Komma bestanden, habe abgeliefert wie erhofft. Monatelang habe ich mich in meine Sisyphosaufgabe gestürzt und am Ende triumphierend mein Abschlusszeugnis in der Hand gehalten. Für einen Moment fühlte ich mich wie Herkules, der siegreich der Hydra den einen Kopf abgeschlagen hatte – bevor drei neue nachgewachsen sind und ich auf einmal die Kopflose war.
Mein ganzes (Lern-)Leben lang habe ich mich angestrengt, gelernt, gebüffelt, verzichtet, Freunde und Freizeit, Selbsterfüllung hinten angestellt, weil man mir erzählt hatte, dass ich es dann – und nur dann – am Ende zu etwas bringen würde. Zu nichts Großem unbedingt, aber zu etwas Kleinem. Etwas Wertvollem. Wenn ich nur genug Eifer an den Tag legte und mich richtig reinhängen würde, dann würden das potenzielle Arbeitgeber auf den ersten Blick und trotz aller Widerstände erkennen und mich vorbehaltlos einstellen.
Wer mir das erzählt hat, dem gehört gründlich der Kopf gewaschen, denn es ist schlichtweg nicht wahr. Ich wage zu sagen, es grenzt fast ans Utopische. Denn bei den unzähligen Vorstellungsgesprächen für unbezahlte und überbewerte Jobs, die ich brauche, damit ich „Berufserfahrung“ vorweisen kann und deren Personaler davon überzeugt sind, ihre hierin vermittelten Erkenntnisse wären ja Belohnung genug, hat mich keiner so richtig ernst genommen und nach der Person hinter dem Bewerbungsbogen gefragt.
Ich muss gestehen, so richtig hervorgestochen sind meine Qualitäten wahrscheinlich nicht. Ich kann ja auch eigentlich nur wiederholen, was in der Bewerbung steht. Aber wie soll ich denn was besonders Herausragendes sagen, wenn mir mein Gegenüber nur drei Fragen stellt, von denen ich nicht finde, dass sie besonders aussagekräftig für meine Befähigung sind.
Haben Sie unsere letzte Ausstellung/ Lesung/ Veranstaltung besucht bzw. haben sie unsere Unternehmenspolitik die letzten 6 Monate und länger verfolgt?
(Einzig mögliche Antwort: Ausnahmslos ja. / Meine Antwort: Nein, aber….ähm… (Natürlich lese ich die regelmäßigen Ergüsse aller 50 Arbeitgeber, bei denen ich mich beworben habe. Nicht. Wie denn auch?))
Warum kamen Sie gerade auf unser Unternehmen?
(Richtige Antwort: Weil ich schon immer davon geträumt habe genau hier zu arbeiten und bewundere, was sie tun. / Meine (gedachte) Antwort: Was soll denn so eine Frage? Wenn ich sie nicht interessant finden würde, wäre ich ja nicht hier, warum muss ich das jetzt näher definieren? Weil das eine gute Chance ist und sie mir gefallen und ich im Netz halt darauf gestoßen bin. Man kann doch nicht für jede Stelle von Anfang an Feuer und Flamme sein! Richtig ist allein die Einstellung, mit der man an die Sache rangeht, oder?!)
Haben sie noch Fragen?
(Richtige Antwort: Ja. Gedenken Sie in Zukunft ihre Firmeninfrastruktur noch umfassender auszugestalten? Und wie sieht ihr ökologischer Fußabdruck aus? / Meine Antwort: Ja. Wie hoch ist mein Gehalt? Wie viele Urlaubstage habe ich zu Verfügung? Finden Sie, die drei vorangegangenen Fragen sind repräsentativ für meine Eignung? Meinen Sie, Sie hätten aufgrund meines Bulimielernens ihrer Homepage-Inhalte auch nur hinreichend erkannt, warum sie mich einstellen sollten? Meinen Sie nicht, sie sollten mich fragen, was mich persönlich ausmacht? Was meine Beweggründe sind? Was mich begeistert?
Nachdem ich in all diesem enttäuschenden Gesprächen (und damit meine ich, dass ich vom meinem Gegenüber enttäuscht war) und nach unzähligen Erfahrungen – weshalb ich es doch endlich eigentlich besser wissen müsste – das Besprechungszimmer verlassen habe, fallen mir natürlich hundert Dinge ein, die ich stattdessen oder „auch noch“ hätte sagen können. Dass ich zum Beispiel von ganzem Herzen überzeugt bin, die richtige Person für die Stelle zu sein. Nicht, weil ich vorher auswendig gelernt habe, was ich während der Anstellung sowieso jederzeit auf der Website nachschlagen kann. Das kann in unserer digitalisierten Welt jeder Erstklässler mit Smartphone. Und der Umstand, dass ich es erst gestern und nur halbherzig getan habe beweist noch lange nicht mein mangelndes Interesse am Unternehmen. Es hat einfach keinen Mehrzweck. Ich hätte sagen sollen, dass ich engagiert bin. Jung und motiviert, bereit, alles zu geben und mich zu 100 Prozent einzusetzen, weil ich verdammt nochmal gerne tue, was ich mache. Dass ich lernen will, jeden Tag.
Aber wo hätte ich das unterbringen können, ohne wie ein egomanischer Volltrottel dazustehen, der nicht weiß, wann sich der Slot zum Sprechen geschlossen hat?
Damit will ich nicht sagen, dass mein Selbstwertgefühl gerade einmal so groß ist wie ein ungehäufter Teelöffel Zucker. Dass ich nicht für mich einstehen kann und mich im besten Licht präsentieren kann. Doch wenn dein Umfeld dich nicht erkennen will, kannst du dich noch so sehr bemühen. Es klappt nicht. Manchmal ist die Welt ein Monster.
Worauf ich schlussendlich hinaus will, ist Folgendes: Ich denke doch, dass die Welt mir etwas schuldig ist. Ich will gesehen und nicht einfach abgefertigt werden. Ich will meine Chance, will beweisen, dass ich es kann und, dass Engagement und Lerneifer um so vieles wichtiger sind, als eine perfekte Selbstdarstellung. Ich will, dass man wertgeschätzt wird für das, was man ist und das, was man gibt. Ich will, dass Einsatz belohnt wird und nicht ignoriert. Nicht, weil ich in meinem Kopf noch ein kleines Kind geblieben bin, das fürs Zimmeraufräumen mit einem Eis belohnt werden will. Sondern weil ich glaube, dass wir als Mensch mehr sind als die bloße Summe unserer Tätigkeiten. Wir könnten und sollten uns über so viel essentiellere Dinge definieren, als über unsere objektiv messbare Leistung.
Doch
stets aufs Neue wird man ausgebremst, bis man ausgebrannt ist und vom bewundernswerten
Einsatzwillen nichts mehr übrig ist als ein Häufchen Zucker. Ungehäuft.
Unweigerlich
fühle ich mich an eine Passage aus einem Schultheaterstück, in dem ich vor ein
paar Jahren mitspielte, erinnert. Damals habe ich nicht wirklich verstanden, um
was es ging, aber nun bin ich älter und hoffentlich auch weiser und glaube, die
Botschaft verstanden zu haben. Meines Erachtens nach ist sie heute so aktuell
wie damals. Das Stück handelte von bedingungslosem Aktivismus und dem Gedanken
der Weltverbesserung. Die Akteure waren (zumindest die meisten) bedingungslos gütig
und opferbereit. Doch die Umstände machten sie kopflos und manövrierten sie in
eine ausweglose Situation. Letztendlich waren alle Bemühungen zwecklos, die
Anstrengungen hinfällig und die hoffnungsvollen Träumer ausgebrannt:
„Ich
bin Alice und ich wohne im Wunderland. Da musst du drei Formulare ausfüllen,
bevor du einen retten darfst, der gerade ertrinkt. Da musst du zwanzig Teamsitzungen überstehen,
bevor du zu keinem Ergebnis kommst. […] Und du redest davon, dass man was tun
muss, dann erntest du das fette, kryptische Grinsen der Edamer Katze.“[1]
[1] Skala, Marlene: Räuber. Schiller
für uns. Deutsche Theaterverlag, hier S. 21.
„Im Grund weiß ich nicht, welchen Sinn diese Suche hat…“ Dies schreibt Delphine de Vigan in ihrem Buch Das Lächeln meiner Mutter (2013). Auf knapp 400 Seiten arbeitet sich die französische Autorin durch das Leben ihrer bipolaren Mutter Lucile, die zeitlebens zwischen Realität und Wahn hin und her pendelte – bis sie sich für den Freitod entschied. Doch das Buch ist weit mehr als eine einfache Biographie. Es ist der Versuch über den eigenen Blick hinaus eine Familienchronik zu schreiben und nachzustellen, zu erfassen, was passiert ist und nicht unbedingt immer warum es passiert ist. Es ist ein Versuch, der Vergangenheit habhaft zu werden, ohne ein Porträt zu zeichnen, das verkehrt wirkt.
Vigan möchte kein Zerrbild ihrer Mutter schaffen, das betont sie mehrere
Mal. Sie möchte „ihre Lucile“, darstellen, ihre eigene Sicht und
dadurch trotzdem nicht minder reale Facette der Wahrheit.
Durch ihren
Schreibstil besticht die Autorin den Leser, verwirrt ihn jedoch auch und hält
ihn auf Abstand. Obwohl sie in den Abgründen der eigenen Familie verschwindet
und mit brisanten Erinnerungen wieder auftaucht, deren Folgen noch bis in die
Gegenwart zu spüren sind, bleibt der Stil durchweg in einer nüchternen Drastik
verhaftet. Immer wieder unterbricht sie ihre Berichterstattung und erläutert
den Schreibprozess selbst. Wie sie, von innerer Unruhe heimgesucht, nachts
nicht schlafen kann, welche Reaktionen ihre Verwandten zeigen, als sie um
Recherchematerial, Briefe und Tonbandaufzeichnungen bittet, welchen Blockaden
sie sich gegenüber sieht und wie sie bis zum Ende des Romans nicht weiß, wo
genau sie eigentlich hin will. Doch gerade deshalb wirkt es, als ob sich Vigan
in ihren Vor- und Zwischenüberlegungen des Öfteren verliert. Diese Passagen
sind nachvollziehbar und zum Großteil hilfreich, doch ebenso störend in ihrer
Vielzahl.
Bis zur Hälfte der Handlung wartet der Leser auf den großen Coup. Aber der Roman kommt nicht in Fahrt, besitzt keine Pointe, keinen Höhepunkt, keine plötzliche Wende. Denn er ist, was er ist, eine reale Leidensgeschichte ohne Happy End. Er ist schlichtweg nicht konzipiert, kein Konstrukt der Imagination. Dieser Versuch, ihre Mutter zu erfassen ist zugleich auch ein Erfassen der eigenen Person, das Erforschen der eigenen Identität und damit einhergehend der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit. Ganz explizit benennt Vigan den ersten Wahnanfall ihrer Mutter als Ursprung ihres eigenen Schriftstellerdaseins:
Ich schreibe wegen des 31. Januars 1980. Der Ursprung des Schreibens liegt genau dort, das weiß ich dunkel, in diesen wenigen Stunden, die unser Leben kippen ließen, in den Tagen davor und in der Zeit der Isolation danach.
Nichtsdestotrotz
ist Das Lächeln meiner Mutter eine
sensible und zärtliche Schilderung intimer familiärer Bindungen. Eine
Schilderung der eigenen Mutter durch die viel zu früh erwachsen gewordene
Tochter, die nicht von Hassgefühlen überlagert, sondern mit traurigen und
zugleich liebevollen Momenten durchsetzt ist.
Das Buch ist –
so seltsam es anfangs auch klingen mag – eine Hommage, die durch Ehrlichkeit, Offenheit
und Intensität besticht. Vigan spricht aus, wozu sie zuvor nie in der Lage war.
Sie wird Sprachrohr für ein Thema, dass in der Gesellschaft noch zu keinem
Zeitpunkt präsent war – obwohl offenkundig viel zu viele Schicksale davon
betroffen zu sein scheinen.