Katherine Webb hat es mir diese Mal nicht einfach gemacht. Obwohl sie inzwischen nach all den Jahren (neben Kate Morton und Lucinda Riley) eine Institution in meinem Bücherregal ist, habe ich mich zu Beginn von Die Schuld jenes Sommers mit der Lektüre ein wenig schwer getan.
Schauplatz, Grundthema und Storyline sind wie bei jedem ihrer Bücher: Das (ländliche) England, (Vor)kriegszeit, eine weibliche Protagonistin und der Wechsel zwischen den Epochen. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich auf rätselhafte Weise und lassen den Leser auf immer neue Geheimnisse stoßen. Genau aus diesem Grund liebe ich Generationsromane dieser Art.
Kurz zur Handlung: Während einer Bombardierung durch Deutsche im ländlichen Bath geht ein kleiner Junge (Davy) in der Obhut der Protagonistin Frances verloren. Er ist der Neffe ihrer besten Freundin Wyn, die 1918 im Kindesalter ebenfalls verschwand und bis dato unauffindbar blieb. Doch eine der Kriegsbomben schlägt ein Loch in den Hinterhof von Wyns hinterbliebener Familie und fördert (nicht nur) ihre Leiche, sondern auch ein lang gehütetes Geheimnis zutage. Aufgewühlt durch den Einbruch der Vergangenheit in ihre Gegenwart, zusammen mit dem aufwühlenden Verschwinden des geliebten Davy, wird Frances von einer unbenennbaren Schuld heimgesucht. Sie begibt sich auf die Suche: In Bath, in der Vergangenheit, in sich selbst. Und kommt letztendlich dem Mörder auf die Schliche.
„Versprich, dass du es keiner Menschenseele sagst“, forderte Wyn sie auf. […] „Ich verspreche, es keiner Menschenseele zu sagen“, sagte Frances, und ihre Worte wurden von Wyns kräftiger Stimme überlagert.
Obwohl der Anfang relativ langatmig war und ich mich in der Geschichte im ersten Drittel wenig angekommen fühlte, überzeugt mich der Roman im Ganzen. Ab der Hälfte nimmt die Handlung wirklich Fahrt auf, zieht einen in den Bann und lässt einen immer weiter lesen. Aus der Hand legen konnte ich das Buch während der letzten Tage dann keine Minute.
Was mir ein wenig bitter aufstößt, ist die Tatsache, dass sich das Buch für meinen Geschmack zu sehr an eine Detektivgeschichte/Mordermittlung annähert und weniger das „verwunschene“ Geheimnis im Mittelpunkt stellt. Zwar ist ein Mord nicht selten Thema in Geschichten dieser Art, jedoch fühlte ich mich bei der Lektüre zwischendurch wie in einem Sherlock-Holmes-Roman. (Die ebenfalls nicht zu verachten sind, jedoch ist die Erwartungshaltung des Lesers da eine andere).
Im Großen und Ganzen aber liefert Die Schuld jenes Sommers genau das, was man von einem Titel dieses Genres erwartet: Leichte Spannung, ein wenig Romantik und Melancholie, Geheimnisse, Schuld, Familienbande, Freude und Unterhaltung. Webbs Schreibstil überzeugt sowieso. Wer ihre bisherigen Romane kennt und liebt, wird auch von diesem hier begeistert sein.
(Rezensionsexemplar)
Für Fans von Das verborgene Lied, Das italienische Mädchen (Katherine Webb), Die Tochter des Uhrmachers,Die verborgenen Stunden (Kate Morton), Das Lavendelzimmer oder die Schwestern-Saga (Lucinda Riley).
„Sie wispert und gurrt und kennt die Namen aller Menschen. Sie folgt dir durch Straßen und dunkle Gassen, oder sie kommt in der Nacht und setzt sich auf deine Bettkante. Kannst du es dir vorstellen, spürst du, wie die Matratze sich absenkt und die Decke verrutscht? S. 92
Wenn Alpträume sich in die eigene Realität verirren, was tun wir dann? Wenn wir uns plötzlich nicht mehr sicher sind, wo diese enden und unsere Imagination beginnt? Wenn wir glauben, nicht mehr Herr unserer Sinne zu sein? Ja, was tun wir dann?
Diese Frage
muss sich wohl oder übel auch Helen Franklin stellen, als ihr Freund, Karel Pražan, sie mit der Geschichte von Melmoth konfrontiert. Der völlig Veränderte verschwindet kurz
darauf unvermittelt aus ihrem Leben und die schaurige Legendengestalt Melmoth könnte
der Grund dafür sein. Doch wer ist sie?
Die Frau in
Schwarz ist der Überlieferung nach dazu verdammt, ewig alleine mit blutigen
Füßen auf Erden umher zu wandeln, weil sie es gewagt hat, die Auferstehung Jesu
zu leugnen. Eine Frau, die seither in die Legenden und Gemüter der
Abergläubigen und Alteingesessenen lebt, eine Schauergestalt, die jeder kennt,
von der aber keiner öffentlich spricht. Ein Gruselmärchen, das Kindern erzählt
wird, damit sie sich benehmen. Doch die Gläubigen sind da anderer Ansicht. Für
sie ist Melmoth viel mehr als nur ein Ammenmärchen. Helen weigert sich zunächst
noch, diese Ansicht für voll zunehmen, doch dann geschehen diese merkwürdigen
Dinge…
Eine Sache hat die britische Autorin Sarah Perry in ihrem Roman richtig gemacht: Einen fesselnden und schaurigen Stoff ausgewählt. Ihre bescheidene Protagonistin stößt im Prag der Neuzeit auf ein merkwürdiges Manuskript, wodurch ihr Schicksal eine unerwartete Wendung nimmt, wodurch sie nicht zuletzt von ihrer so sauber verdrängten vergangenheit eingeholt wird. Ein ebenso klassischer wie wirkungsvoller und vielversprechender Einstieg. Neben ihrer Geschichte werden auch noch die von drei weiteren Personen aus verschiedenen Zeitebenen erzählt, wodurch der Leser Einblick in das vergangene Wirken der ewigen Zeugin Melmoth erhält.
„Als ich ein Kind war, hat man mir erzählt, dass du auf Erden wandelst und die Schandtaten und die Niedertracht der Menschen beobachtest; dass du überall dort, wo die Sünde am größten ist, als Zeugin fungierst. Angeblich erscheinst du jenen, die in tiefster Verzweiflung sind, du streckst deine Hand aus und bietest ihnen deine Freundschaft an, weil deine Einsamkeit so furchtbar ist.“
„Das stimmt. Ich bin einsam.“ S. 294
Und ich bin ein sehr großer Fan davon, wenn alte Legenden, Traditionen, Überlieferungen und mystische Figuren der Vergangenheit aus ihrem Schattendasein herausgezerrt und an die Oberfläche der Gegenwart gebracht werden. Deshalb hat mich die Geschichte von Melmoth, von der ich zuvor (leider) noch nie etwas gehört hatte, sehr fasziniert und mich dazu bewogen, dass Buch zu lesen. (Melmoth der Wanderer ist übrigens ein 1820 erschienener Schauerroman des irischen Schriftstellers Charles Robert Maturin und gehört in das Genre des Gothic Horror. )
An dieser
Stelle sei auch auf die unglaublich schöne Gestaltung des Covers und auf die
tolle Haptik des Buchs hingewiesen. Beide greifen den Inhalt, das Genre und die
Stimmung des Romans eins zu eins auf, was für mich definitiv ein Kaufargument
ist.
Die blauen Federn stehen für die Dohlen im Roman. Sie sind eine Begleiterscheinung von Melmoth und ein Zeichen für ihre Anwesenheit
Trotzdem gelang es dem Roman leider nicht, mich von sich zu überzeugen. Der akribische, teilweise seitenfüllende Beschreibungsdrang der Autorin war eher störend als hilfreich. Dadurch wirkten die Sätze so überladen wie die Wohnung von Helens Vermieterin. Zudem wirkt der eigentümliche Erzähler mitunter wie ein Fernsehkommentator, der während eine Filmvorführung immer wieder auf die Pause-Taste drückt und das Geschehen bespricht. Leser und Erzähler selbst treten dabei zurück, werden zum absoluten Beobachter und die Zeit wird ins Endlose gedehnt. Und obwohl die Geschichte sich auch leicht lesen ließ, nahm sie für mich nie wirklich Fahrt auf. Nach über 150 (von 330) Seiten fragte ich mich immer noch, wo die Autorin eigentlich hin will, es war noch nichts Nennenswertes passiert.
Das Ende ist zum Teil vorhersehbar – was nicht per se schlecht ist – driftet jedoch an einem Punkt ins Absurde ab. Was mich besonders gestört hat ist, dass es für die Figuren keinen wirklichen „Aha-Moment“ gibt. Sie nehmen die Existenz von Melmoth einfach hin, stellen sie nie wirklich in Frage und nehmen sie trotz der tödlichen Gefahr, die von ihr ausgeht, nicht ernst; die Figur wird sogar zu einer Art Running Gag.
Alles in allem ist der Roman ist für mich wie eine gute Idee auf dem Papier, die in ihrer Umsetzung nicht ganz so gelungen ist. Aufgrund einiger wirklich toller Passagen finde ich zwar einleuchtend, warum man Perry als „Meisterin der Atmosphäre“ bezeichnet, wie z.B.
„Auf einmal war es, als hätte sich alles Schlechte in den Herzen der Menschen, über das ich nie weiter nachgedacht hatte – Eitelkeit, Arglist, Grausamkeit – , in eine feste Substanz verwandelt, und die Substanz sammelte sich dort oben wie ein Fliegenschwarm. Nach einer Weile änderte sich ihre Beschaffenheit, und sie hing über dem Podest wie ein hauchdünnes, schwarzes Seidentuch, das in der Brise flattert. Das Tuch verlängerte sich, und kurz darauf floss das Tuch die Treppenstufen herunter wie Tinte.“ S. 66;
allein diese Fähigkeit macht aber noch keine gute Geschichte und keinen herausragenden Erzähler. Ein Autor muss das konsequent durchhalten können, um sein eigenes Niveau und nicht zuletzt die Leseraufmerksamkeit zu halten.
Für eine Sache möchte ich Sarah Perry und dem Eichborn Verlag (unter Bastei Lübbe) aber unbedingt danken: Der Einsatz und das Bestreben, kulturelles Wissen und Tradition zu erhalten, ist wirklich lobenswert.
Letztendlich bleibt Melmoth leider nur ein netter Versuch: Wer auf seichten Grusel steht, kommt hier bestimmt auf seine Kosten, zudem könnte auch ein etwas jüngeres Publikum dafür zu begeistern sein. Hübsch im Bücherregal macht sich das Schmuckstück auf jeden Fall.
PS: Wer über eine Anschaffung nachdenkt, dem sei angeraten, auf jeden Fall bis zum Ende zu lesen: Die Schlusswendung offenbart die Identität des Erzählers…und das lässt einem tatsächlich einen Schauer über den Rücken laufen.
Wie habe ich sie in meinen Teenagerjahren geliebt, diese Fantasy-Liebes-Romane: Von Stephanie Meyers „Bis(s)-Trilogie“, Kai Meyers „Arkadienbüchern“ über Maggie Stiefvaters „Nach dem Sommer“-Reihe, bis hin zu Suzanne Collins „Panem“[1]: Ich habe sie ALLE gelesen. Habe mein mühsam zusammengespartes Taschengeld (es waren nur 10 Euro im Monat!) in die Buchhandlung meines Vertrauens getragen, um mich in all den fremden Welten zu verlieren und mich immer ein wenig zu verlieben…und (köstlich) zu leiden. Als ich es mir irgendwann (bei meinem übermäßigen Bücherkonsum) nicht mehr leisten konnte, habe ich nicht nur in den Schulferien tütenweisefaustdicke Romane aus der Bücherei ächzend nach Hause geschleppt, auf meinem Schreibtisch gestapelt, nur, um sie viel zu schnell durchzulesen, wieder zurückzubringen, traurig, dass ich kein Teil mehr der Geschichte sein konnte. Jahrelang pilgerte ich also zwischen meinen literarischen Kultstätten hin und her und war vollkommen glücklich. Bis ich es irgendwann nicht mehr tat.
Ich möchte an dieser Stelle auch nicht verhehlen, dass es eben jener erst genannte, viel gehypter und inzwischen (leider) verschriene Vampirroman war, der meine Lust zum Lesen entfacht hat.
Heute – über 10 Jahre später – muss ich zugeben: Im Herzen bin ich immer noch ein Teenie. Zumindest teilweise. Es gibt sie hin und wieder, diese Tage, an denen ich rastlos bin und unzufrieden und keine Lektüre aus meiner stetig wachsenden Sammlung dieses Gefühl besänftigen kann. Nichts kann Sie stillen. Wen ich meine? Die Sehnsucht nach ergreifenden, leidenschaftlichen, gefühlsaufwirbelnden Geschichten junger Erwachsener, die von einem Tag auf den anderen in eine vollkommen neue Welt eintauchen – ein Leben leben, von dem ich in meinem langweiligen Alltagstrott nur träumen kann. Magische Kräfte entwickeln, sich in Monster verlieben oder selbst zu Monstern werden. Ja, es gibt sie, diese Tage, und ich möchte sie nicht missen.
Aber ich ringe mich inzwischen – als „Erwachsene“ – viel zu selten dazu durch, mir diese Bücher tatsächlich auch zu kaufen. In der Buchhandlung stehe ich jedes Mal vor dem Regal, um dann unverrichteter Dinge von Dannen zu ziehen. Das Schlimmste ist, ich weiß genau warum, schäme mich aber, es mir selbst einzugestehen: Als ausgebildete Germanistin mit Masterabschluss sollte ich keine derartige „Trivialliteratur“ lesen. Lesen wollen. Die Wahrheit aber ist, dass es genau Romane dieser Art sind, die mich zwingen, die Nacht durchzumachen. Die mich dazu bringen, in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit so lange zu schmökern, dass ich fast meine Haltestelle verpasse. Die meinen Vater zur Weißglut bringen, weil ich abends lesend stundenlang die Badewanne blockiere. Die mich dazu verleiten, den ganzen Tag an nichts anderes zu denken, als daran, wie es weiter geht. Niemals werde ich ohne ihn leben können, den süßen Schmerz, der entsteht, wenn man ein geliebtes Buch ausgelesen hat.
Weshalb ich aber überhaupt zu diesem Thema einen Artikel verfasse, ist, dass ich vor kurzem ein Buch in den Händen hielt, das mir all das versprach, was ich früher in Büchern suchte. Die Rede ist von „Staub & Flammen“ von Kira Licht. Den zweiten Band der Götter-Dilogie erhielt ich als Rezensionsexemplar, worüber ich mich sehr gefreut habe. Obwohl ich unvermittelt in die Geschichte einstieg, weil ich den ersten Roman „Gold und Schatten“ nicht kannte, hatte ich keine Probleme, mich in Livias und Maéls Universium zurechtzufinden.
„Die Liebe ist nur eine Leihgabe, Livia. Sie wird uns genommen. Durch das Schicksal, durch Hände anderer, durch den Tod. Ich hätte es wissen müssen. Und doch…“
Staub & Flammen, S. 353
Der Roman entspricht ganz klassisch einem Fantasyjugendbuch und genau das hat mich von der ersten Seite an eingefangen: Eine Dreiecksbeziehung, einen Bad Boy, den „guten“ Bruder, magische Wesen und griechische Götter, unerwartete Plottwist, einen Hauch Kitsch und tolle Paarmomente. Die reale Welt und das Übernatürliche treffen aufeinander und sorgen für nicht wenig Chaos. Natürlich darf man beim Lesen nicht vergessen, dass für eine ganz bestimmte Zielgruppe geschrieben ist, deren Lesewunsch erfüllt wird. Man darf keine Hochliteratur erwarten. Aber ist das nicht genau das, was auch ich von dem Buch wollte?
Nicht zu vergessen ist das hübsche Cover, das sich sehr gut in meiner Sammlung machen wird.
Also: Wer sich wie ich wieder einmal in magische Welten verlieren will und über witzige Dialoge und Teenie-Geplänkel schmunzeln möchte, für den spreche ich eine definitive Empfehlung aus. Fantasyromance at its best, würde ich sagen.
PS: Ich war ganz automatisch davon ausgegangen, die Reihe
sei als Trilogie angelegt worden. Als ich feststelle, dass es sich jedoch um
eine Dilogie handelt, war ich nicht wenig enttäuscht. Gerne würde ich noch mehr
von den beiden Protagonisten lesen!
„Der Krieg um sie verstummte, als die schöne Helena auf Trojas brennenden Mauern tanzte.[…] Sie hat sich nicht darum geschert, was andere über sie sagen. Du bist wie sie. Es kümmert dich nicht, dass alle dir sagen, dass du einen aussichtslosen Kampf führst. […] Du tanzt auf brennenden Mauern.“
Staub & Flammen, S. 205
Welche Bücher haben euch als Teenager so begeistert, dass ihr sie nicht aus der Hand legen konntet?
[1] „Göttlich verliebt.“. „The Hollow“. „Vampire Diaries“. „Delirium“. „Percy Jackson“. „Merlin.“ „Sonea“. Cassia & Ky“ (soll ich noch weiter machen?)
Ein Ausflug in die deutsche Nachkriegsgeschichte mit „Wir sehen uns unter den Linden“ – Charlotte Roth (Rezensionsexemplar)
Wer sich an einen meiner früheren
Artikel erinnert, der wird folgende Autorin bereits kennen: Charlotte Roth. Ihr Debütroman Als wir unsterblich waren ist für mich bis heute eine der berührendsten,
nachhaltigsten und – leider auch – zu Unrecht unterschätzten Geschichten, die
ich in meinem Leben gelesen habe. Würde mich jemand morgen spontan fragen,
welche zeitgenössischen deutschen SchriftstellerInnen ich ihm empfehlen würde,
dann stünde Roths Name wahrscheinlich zu alleroberst auf meiner Liste.
Mit ihrem neusten Roman Wir sehen uns unter den Linden hat sie es
wieder einmal geschafft: Nachdem ich von den letzten beiden Büchern – Wenn wir wieder leben und Bis wieder ein Tag erwacht – leider weit
weniger angetan war wie von den ersten dreien (Als wir unsterblich waren, Als der Himmel und gehörte, Weil sie das
Leben liebten), setzte ich große Hoffnungen in das neuste Buch. Und Roth
hat mich nicht enttäuscht.
Nach üblicher Manier erzählt sie in zwei Epochen mit einer lebensbejahenden Leichtigkeit einerseits und mit einer süßen, dramatischen Schwere andererseits von den Schicksalen der sechszehnjährigen Susanne und ihrem friedfertigen, gutgläubigen Vater – einem überzeugten Sozialisten. Die Autorin spinnt wie üblich ein engmaschiges Netz zwischen Vergangenheit und Gegenwart in Ost Berlin zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ausgehend von den Biografien unterschiedlicher Einzelpersonen breitet Roth den Inhalt des kollektiven, deutschen Gedächtnisses vor dem Leser aus. So zeigt die studierte Berliner Literaturwissenschaftlerin in ihrem inzwischen sechsten Roman erneut, dass die Vergangenheit stets Einfluss auf die gelebte Gegenwart hat, wir ihr nicht entfliehen können, ob wir wollen oder nicht.
Stets
spielt auch die Liebe eine tragende Rolle: Sie ist Motivation und Verhängnis
zugleich – und genau aus diesem Grund
ist der Roman derart spannend und der Ausgang, obwohl dem Leser die deutsche
Nachkriegsgeschichte inzwischen hinreichend bekannt sein sollte, bis zum Schluss
nicht vorhersehbar.
Ich bin ein Koch, in meinem Fach versteht man etwas von Dingen, die zusammenpassen. Es sind nicht die, die sich gleichen, die sind es in den seltensten Fällen. Es sind die, die sich herausfordern, die einander im Widerstreit das Beste entlocken und die sich am Ende ergänzen.“ S. 235
Zudem erzählt die Autorin auch immer von dem, was uns Menschen im Herzen alle antreibt: Von der Liebe. Hat nicht auch bereits Goethe gesagt: In allen vorstellbaren Facetten erfährt der Leser von der Liebe, von Hoffnungen und Träumen, von Ideen und Begeisterung.
Zudem sind Roths Figuren bestechend nahbar. Sie lassen Menschliches erkennen, sie haben Charakter und sind keine vorhersehbaren Typen, die erwartbare Klischees erfüllen.
Für mich hat Charlotte Roth es ein weiteres Mal geschafft, die einmal mehr, mal minder breite Lücke zwischen Trivial- und Hochliteratur zu überbrücken. Ihr gelingt es auf meisterhafte Weise, beinahe jeden Geschmack zu bedienen. Vorrangig würde man Charlotte Roth wohl in die belletristische Frauenliteratur einordnen, doch ich bin der festen Überzeugung, dass auch der ein oder andere Mann und alle historisch Interessierten sich einer Lektüre erfreuen werden, denn es ist offensichtlich, dass die Autorin großen Wert auf historische Genauigkeit legt, eine gewisse Plicht an der Berichterstattungerfüllt. Dass dieser Arbeit wieder einmal eine akkurate Recherche vorausgegangen sein wird, ist gewiss.
Ja, Charlotte Roths Geschichten haben
nie ein Happy End im klassischen Sinn. Sie sind immer auf eine gewisse Art
tragisch und verbreiten ein Gefühl von Melancholie und Sehnsucht.
Ja, sie stecken voller zunächst
hoffnungsfroher, bald aber gescheiterter Existenzen, denen man nicht selten
zurufen möchte: „Stopp, bleib stehen, du rennst doch in dein eigenes Verderben!
Dreh dich um und schau dich noch einmal um, schau auf, und erkenne, was um dich
herum passiert!“
Ja, ihre Erzählungen hinterlassen stets
einen bitteren Nachgeschmack. Aber vielleicht ist es auch genau das, was wir in
der heutigen Zeit brauchen. Denn wenn wir schon in unserer eigenen Gegenwart
die Fehler der Menschheit nicht erkennen wollten, dann können wir es vielleicht
rückwirkend durch das Bewusstwerden unserer Vergangenheit.
Lediglich eine Sache möchte ich bemängeln: Die Titel. Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese von Buch zu Buch immer kitschiger und nichtssagender werden. Sie bleiben nicht im Kopf, und wenn doch, dann vermengen sie sich zu einem Einheitsbrei aus zu vielen Worten, die niemand mehr entwirren und korrekt zuordnen vermag. Sie nähern sich gefährlich den ebenso misslungenen deutschen Titeln der Romane von Nicholas Sparks, die sich ebenfalls keiner vollständig merken kann. Mir leuchtet zwar ein, warum solche Titel wiederholt gewählt werden, sie enthalten immer eine Referenz auf den Inhalt. Jedoch werden sie nicht nur zunehmend länger, sondern auch weniger greifbar und ebenso schnell lächerlicher. Die Romane von Charlotte Roth werden auf diese Weise in eine Sparte manövriert, in die sie zum Teil zwar gehören, auf der anderen Seite wird einem anderweitig interessierten Leser der Zugang aufgrund einer misslungenen Titelwahl verhindert und dem Roman seine verdiente Anerkennung erschwert.
Ein etwas sorgfältiger ausgewählter, weniger abgeschmackter Titel würde meiner Meinung dem Erfolg sicherlich keinen Abbruch tun, sondern die Zielgruppe – und damit verbunden letztendlich auch Reichweite und Ressonanz – erheblich und sinnvoll erweitern.
Mit ihrem aktuellen Roman setzt die wunderbare Schriftstellerin der deutschen Geschichte, die nie vergessen werden sollte, ein weiteres Mal ein Mahnmal, ohne dabei irgendwem zu nahe zu treten.
Von bestechender Menschenkenntnis und bedingungsloser Ehrlichkeit: Eine etwas andere Rezension
„Manchmal ist es gut wenn man ein Gedächtnis hat denn das ist die Geschichte des eigenen Lebens und ohne Gedächtnis hätte man gar nichts. Aber manchmal da bewahrt das Gedächtnis Dinge auf die man lieber nicht mehr wüsste und egal wie sehr man sich anstrengt sie aus dem Kopf zu kriegen sie kommen immer wieder zurück.“ (S. 163)
Die blutjunge, unbedarfte und etwas geistlose Mary sagt, was sie denkt. Immer. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Damit ist sie zu etwas in der Lage, das wir, die Menschen des 21. Jahrhunderts, nicht mehr zu können scheinen. Sie ist uns in diesem einen, wichtigen Punkt überlegen, obwohl sie in den frühen Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts als Teil der untersten Gesellschaftsschicht geboren worden ist.
Es mag also auf den ersten Blick einfältig erscheinen, dass sie spricht, ohne vorher zu denken. Was berechtigt sie denn dazu? Bildung? Stand? Geschlecht? Nichts von alledem. Dies mag auch ihrem einfachen, arbeitssamen Leben als Bauernmädchen und ihrem Dasein als jüngste von vier Schwestern zu Schulden sein. Doch so ist es nicht, ein solches Urteil wäre zu simpel. Mir drängt sich an diesem Punkt die Vermutung auf, ob sie nicht die klügste Person in der gesamten Geschichte ist. Denn durch ihre unverblümte Art lockt sie ihr Gegenüber ungewollt gekonnt aus der Reserve, gelangt an eine Machtposition im Wortgefecht, die sie nicht einmal angestrebt hat. Sie versteckt sich nicht hinter scheinheiligen Höflichkeitsfloskeln und falscher Freundlichkeit, egal, welche Konsequenzen ihr auch drohen. Sie ist bedingungslos ehrlich. Und genau aus diesem Grund kommt sie damit auch durch – fast.
So äußert
sie dem gesellschaftlich höhergestellten Sohn ihres Arbeitgebers gegenüber: „Es ist nicht nötig dass du dich bei mir
entschuldigst, sage ich. Der Mensch bei dem du dich gern entschuldigen würdest
ist jetzt weg, das ist also zu spät. Du musst eben über die Dinge nachdenken
bevor du sie tust und sagst.
Er lächelte Du änderst dich nie, oder?
Nein, sage ich. Aber du solltest das vielleicht.“ (S. 130)
Offenbar besitzt das unterschätzte Mädchen eine herausragende Beobachtungsgabe und eine gute Menschenkenntnis. Sie ist so scharfsinnig wie scharfzüngig – obwohl das erst auf den zweiten oder dritten Blick ersichtlich wird. Das zeugt von wahrer Charakterstärke. Genau deshalb ist die Die Farbe von Milch auch so spannend. Manch einer mag sie vielleicht als ungeformt bezeichnen, und das ist Mary zweifellos. Sie ist ein ungeschliffener Diamant. Ihr ist jegliche Bildung fern. Doch sollte man sich überlegen, zu welch außergewöhnlichen Erkenntnissen sie fähig wäre, würde sie ihr angelegtes Potenzial vollends ausschöpfen. Ihr Dienstherr, der Pfarrer, äußert irgendwann, Mary besäße „eine gewisse angeborene Schärfe oder Geist“ (S. 132), womit er meine These untermauert.
Marys Charakter wird ihr schließlich zum Verhängnis.
Sprachlich bewegt sich die Autorin absichtlich auf einem sehr niedrigen Level. Sie benutzt kaum Kommata und kein Anführungszeichen. Schließlich kann die Protagonistin zu Beginn weder lesen noch schreiben. Aus Sicht der autodiegetischen Erzählerin – Mary – schildert sie die Ereignisse. Zunächst plätschert die Handlung nur so dahin, man weiß nicht wirklich, wo die Autorin hin möchte. Der Erzählfluss selbst wird wiederholt durchbrochen von akuten Überlegungen in der Jetzt-Zeit, denn Mary schreibt ihre Geschichte in eben diesem Moment nieder. Dem Leser gegenüber hat sie ebenfalls absolute Ehrlichkeit versprochen. Und das macht sie in ihren eindringlichen Anreden deutlich. Sie hält sich daran, wenn auch nicht immer beim ersten Mal. Sie wird zwischendurch zu einer unzuverlässigen Erzählerin. Letztendlich hat sie ja auch keinen Grund zu lügen, wie sie selbst sagt.
Neben der Schicksalsgeschichte einer Einzelperson gibt Leyshon ein ebenfalls gut beobachtetes Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts. Sie thematisiert die damalige Rolle bzw. die Machtlosigkeit der Frau dem Mann gegenüber.
Letztendlich ist Die Farbe von Milch ein wirklich gutes Buch, das sich mit der immer noch aktuellen und ungebrochen wichtigen Thematik der Frauenbehauptung und Empowermentbewegung befasst. Es ist voller Tiefgang – auch, wenn das Cover und der Titel mit einer kontrastierenden Blässe und Farblosigkeit arbeiten. Fans von Margarete Atwoods „Alias Grace“ werden eine Ähnlichkeit erkennen, nicht nur, weil die Protagonistinnen denselben Namen tragen.
Übrigens: Von dem Roman gibt es seit März eine tolle Taschenbuchausgabe vom Heyne Verlag 🙂
„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet.“
Es ist fast so, als ob Delphine de Vigan in die verworrenen Köpfe der Menschen voller verwirrender Pfade schauen könnte, wenn man ihre scharfen Beobachtungen liest. „Loyalitäten“ ist ein eindrucksvolles Buch, von dessen Sorte es deutlich mehr geben sollte. Seine knapp 180 Seiten haben es wirklich in sich. Doch manchmal benötigt es nicht viele Worte, um jemanden aufzurütteln. Manchmal reicht auch nur ein einziger Satz: „Ich bin da.“
Delphine
de Vigan ist nicht umsonst eine der gegenwärtig wichtigsten Stimmen
Frankreichs. In ihrem aktuellen Buch beschreibt sie zugleich einfühlsam und
schonungslos, zu welchem Schmerzempfinden und Leid die Menschen fähig sind – ob
sie es sich selbst zufügen oder anderen, ob sie es wissentlich tun oder
vollkommen ohne Absicht. Nicht einmal Kinder bleiben davon verschont.
Die
Französin porträtiert Menschen, die gefangen sind in „Loyalitäten“, unfähig
auszubrechen, zum Stillstand verdammt. Man stellt sich unweigerlich die Frage:
Ist der Grund für ein solches Verhalten lediglich purer Egoismus oder wahrhaftige
Loyalität? Ist es stupide Akzeptanz oder aufgezwungene Ohnmacht?
Vigan
wählt dafür eine Sprache, wie sie nur sehr selten zu finden ist: Bildhaft,
jedoch nicht romantisch, beschreibend, jedoch nicht zu sehr ausschmückend,
bedacht, aber nicht langweilig. Im Ausdruck ist ihr Schreibstil fantastisch. Und
ihre Beispiele sind derart treffend, dass es schon beinahe beängstigend ist.
Die Geschichte macht wütend, ohne einen Schuldigen zu liefern; sie macht betroffen, ohne eine wirkliche Unmittelbarkeit zuzulassen, sie macht schuldlos schuldig. Und vielleicht erreicht sie es doch, uns alle wachzurütteln.
Kennt ihr das auch? Diese nervige Frage, die jeden Sonntagnachmittag im Kopf auftaucht: „Was esse ich diese Woche zum Lunch auf der Arbeit?“
Solange ich Studentin war, hat sie mich nicht sonderlich groß beschäftigt. Da ich immer mit Kommilitonen in die Mensa gegangen bin und am Wochenende mit Freunden etwas gekocht habe, wo immer jemand eine tolle Idee für mehrere Leute hatte, musste ich nicht groß darüber nachdenken.
Seit einiger Zeit arbeite ich aber Vollzeit im Büro. Da machen wir alle zusammen Pause und spätestens am dritten Tag hatte ich verstanden, dass sich die anderen nicht „nur“ ein belegtes Brötchen zum Lunch mitnehmen. Zudem fühlte ich mich zu sehr an meine früheren Schulpausen erinnert. Ich wollte also auch ein warmes Mittagessen, eine langfristige Idee dafür hatte ich aber nicht.
Welches Gericht ist denn leicht, schnell gekocht und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich an die Mittagspause denke? Und was lässt sich auch noch gut mit auf die Arbeit nehmen? Ich wollte frische, gesunde, bunte und aufregende Dinge zum Lunch essen können, ohne schlechtes Gewissen oder Langeweile…oder verzweifelte Blicke in den Kühlschrank am Sonntagabend. Und das am besten alles in einem. Denn obwohl ich auch immer wieder Rezepte aus Magazinen umsetze, finde ich es auf die Dauer ziemlich aufwendig, sich diese zusammenzusammeln, einzukleben, aufzuheben etc.
Lange war ich jedoch nicht ratlos, denn ich stieß auf das Buch „Pause im Glas“. Das war genau die Inspiration, nach der ich gesucht hatte.
(Rezensionsexemplar)
In dem Buch
stecken neben Rezepten für „Energiepakete & Wachmacher“ oder Salate auch
tolle Ideen für Suppen und andere leckere Lunchgerichte. Meistens sind sie auch
für eine Person konzipiert, sodass man prima planen und kalkulieren kann. Der
Clou an dem Konzept von „Pause im Glas“ ist, dass man das zubereitete Essen in Einmachgläsern
aufbewahrt und transportiert. So bleibt es haltbar, frisch und frei von
umweltbelastenden Plastikverpackungen. Ich bin bei Weitem kein Superöko, freue
mich aber immer, wenn ich in dieser Hinsicht ein bisschen achtsamer leben kann.
Bisher habe ich
zwei Rezepte ausprobiert und bin sehr zufrieden. Die Gerichte sind super lecker,
unkompliziert, lassen aber auch genug Spielraum für Abwandlungen. Und da ich
ein großer Fan von asiatisch angehauchtem Essen bin, bin ich hier bestens
bedient.
Das Kichererbsencurry habe ich ausprobiert. Da momentan keine Kürbissaison ist, habe ich ihn kurzerhand durch eine Süßkartoffel ersetzt
Überdies möchte
ich auch noch sagen, dass ich ein großer Verfechter von gedruckten (Koch)büchern bin. Zwar lässt sich nichts gegen ein
schnell eingetipptes Rezept in Google sagen, doch habe ich mich schon viel zu
häufig darüber geärgert, wenn mir während dem Kochen das Handydisplay
ausgegangen ist, ich mit verschmierten Fingern wieder die PIN eintippen musste
oder das Format einfach zu klein war. In einem gedruckten Buch hingegen kann
man unbeschwert blättern, man hat es immer parat in der Küche liegen…und kann
bei Bedarf auch unkompliziert Notizen hinzufügen 🙂
Und über die inspirierenden Bilder, die man anschauen kann, muss ich wahrscheinlich auch nicht mehr sagen, oder?
Was esst ihr denn so in der Mittagspause? Kauft ihr euch immer etwas oder nehmt ihr euch was von zuhause mit?
Vor
ein paar Semestern hat mich eine meiner Dozentinnen an der Uni einmal dazu
ermuntert, einen Text über mein schönstes Leseerlebnis zu verfassen. Ich musste
nicht lange überlegen, mir schwebte umgehend vor, über was ich schreiben würde.
Das unter Schreiberlingen allgemein weit verbreitete – und gefürchtete – Problem derSchreibblockade ist mir in der Regel fremd. Auf das Thema komme ich
zwar nicht immer von selbst, aber sobald mir jemand sagt, ich solle mir zu
diesem oder jenem Gedanken machen, dann greift ein Zahnrad in das nächste und
in meinem Kopf läuft es ganz von selbst.
Dennoch beschreibt die Schilderung, die nun folgt, nicht unbedingt mein „schönstes“ Leseerlebnis meiner noch relativ kurzen Existenz. Aber es erzählt vom Nachdrücklichsten, Intensivsten. Dieser Beitrag erzählt von demjenigen Leseerlebnis, das mir in besonderer Erinnerung geblieben ist und mich stets jene starken Gefühle erneut durchleben lässt, wann immer ich daran zurückdenke.
Das Buch, um das es dabei geht, trägt den leider unglaublich geschwollenen Titel Als wir unsterblich waren. Der erinnert sehr an das kitschig klingende Kollektiv deutscher Nicholas-Sparks-Romane. (Von denen ich immer vergesse, welche Geschichte jetzt zu welchem Titel gehört…die klingen alle gleich!) Mein Buch jedoch wurde von der damals noch relativ unbekannten deutschen Schriftstellerin Charlotte Roth verfasst. Sie verarbeitet darin in abstrahierter und veränderter Form ihre Eindrücke der Teilung Deutschlands in West und Ost im vergangenen Jahrhundert. Doch dies ist nur die Rahmenhandlung des Romans. In der Binnengeschichte schildert Roth mit einer beeindruckenden Einfühlsamkeit und Anschaulichkeit die Geschichte Deutschlands während der beiden Weltkriege. Inzwischen ist diese Thematik zu ihrem Steckenpferd geworden, im April 2019 veröffentlicht sie ihren sechsten Roman.
Aus dem Geschichtsunterricht meiner Schulzeit sind mir die historischen Eckdaten und Schlüsselereignisse zwar bekannt, jedoch wirkten sie damals auf mich immer wie etwas, das nichts mit mir zu tun hatte, weit entfernt und deshalb zweidimensional. Durch Roths Roman wurde für mich die deutsche Geschichte zum ersten Mal wirklich plastisch und greifbar, weil die Autorin sie geschickt in ihre fiktive, mitreißende Romanhandlung verpackt und auf diese Weise unbewusst an den Leser – mich in diesem Fall – vermittelte. Doch das war nicht der eigentlich überzeugende Teil des Romans.
„Don‘t judge a book by it‘s cover“
Genau meins!
Ursprünglich
hatte ich ihn mir nämlich gekauft, weil es kurz vor dem Semesterferien gewesen war
und ich meiner umfangreichen Sammlung von Urlaubslektüre ein weiteres Werk
hinzufügen wollte, denn im Koffer war noch etwas Platz und ich hatte nicht vor,
nach einer Woche dann plötzlich ohne Buch am Strand zu liegen. Es wäre
übertrieben zu sagen, dass mir das relativ schlicht in Schwarzweiß gehaltene
Cover ins Gesicht sprang, aber es gelang ihm zumindest, sich von der breiten
Masse in der Buchhandlung abzuheben. Deshalb dachte ich mir: Ja, kann man für
10 Euro mal mitnehmen. Format und Haptik waren ebenfalls in Ordnung.
Im
Urlaub aber wanderte das Buch im Koffer zwischen den ungetragenen Klamotten und
sandigen Handtüchern immer weiter nach unten, weil ich mich aus unerfindlichen
Gründen nicht dazu aufraffen konnte, es zu lesen. Nebenbei erschienen mir meine
anderen literarischen Eroberungen um Einiges spannender. Doch da irrte ich mich.
Mechanisch arbeitete ich mich während der zwei heißen Wochen an Strand und Pool durch den mitgeschleppten Privatbibliotheksbestand, und war danach zwar erholt und entspannt, mit der Urlaubslektüre hingegen nicht ganz so zufrieden, als ich wieder in der Heimat angekommen war. Weil ich aber noch genügend Muße und keinen anderen Lesestoff mehr übrig hatte, griff ich notgedrungen zum verbliebenen „Kofferhüter“. Rückwirkend muss ich sagen: Gott sei Dank. Denn selten – oder überhaupt noch nie, soweit ich mich erinnern kann – hat mich eine Veröffentlichung in einem solchen Ausmaß mitgenommen und in seinen Bann geschlagen. Ich war während des Lesens gefesselt, die Außenwelt war vollkommen ausgeblendet, weshalb ich den gesamten Tag und die halbe Nacht nur im Bett lag und das Buch nicht aus der Hand legen konnte….bis ich es schließlich doch musste, weil ich es emotional nicht mehr aushielt. Absolut ausgelaugt versuchte ich einzuschlafen, nachdem ich in kürzester Zeit die gesamte Bandbreite der menschlichen Gefühlspalette durchlebt hatte. Und zugegeben: Es flossen nicht wenige Tränen. Aber auch lachen musste ich – sogar laut – was ich noch nie zuvor beim Lesen getan hatte. Es ist schon fast ein bisschen beschämend zuzugeben, aber ich war überdies kurz davor, das Buch vor lauter Wut über die Dummheit der Protagonisten und die nervenzerreißenden, dramatisch-schicksalhaften Wendungen der Handlung an die Wand zu werfen.
Am Ende tat ich es aber doch nicht. Beinahe ehrfürchtig saß ich da und dachte ein paar Momente lang nach, bis ich mich dazu durchringen konnte, die letzte Seite umzublättern und Als wir unsterblich waren ins Regal zu stellen.
Natürlich handelt es sich hierbei um keine wirklich intellektuell anspruchsvolle Literatur. Das ist mir als Literaturwissenschaftlerin wohl bewusst. Das Buch ist eine kleine Ablenkung, ein literarischer Leckerbissen zwischen all den anstrengenden Lesehürden meines damaligen Studentendaseins. Aber selten habe ich einen Roman gelesen, der eine solche Wirkung – und Nachwirkung – auf mich hatte, weshalb ich ihn mit Freuden weiterempfehle.
Letztendlich bewahrheitete sich der schon allzu oft gebrauchte Spruch „Don‘t judge a book by it‘s cover“ – in diesem Fall „by it‘s Klappentext“ – für mich.
Wie ist das bei euch? Gibt es auch ein Buch oder eine Geschichte, die in euch solche Reaktionen ausgelöst hat?
„Diese Welt ist silber, aber sie ist auch grau.
Es gibt weder Schwarz noch Weiß.“ (S. 286)
(Rezensionsexemplar)
Die Welt ist geteilt in zwei (Blut)Fraktionen: Auf der einen Seite existiert die überlegene, herrschende und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattete Klasse der Silbernen und auf der anderen stehen die ausgebeuteten und von Armut gequälten Roten. Dazwischen findet sich die junge Protagonistin Mare Barrow wieder.
Durch schicksalshafte Wendungen gerät sie mitten hinein in die elitäre Gesellschaft der Silbernen – als eine von ihnen. Doch befindet sich die Welt, wie sie sie kennt, im Umbruch. Mare muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen will und zu welchen Opfern sie bereit ist. Sie trifft auf neue Verbündete, aber auch auf neue Feinde und muss auf die schmerzhafteste Weise lernen, dass wirklich jeder dazu in der Lage ist, dich zu hintergehen.
Ehrlicherweise
muss ich zuerst sagen: Ich hatte von Die
rote Königin nichts Besonderes erwartet. Zwar wusste ich, dass es sich
hierbei um einen Spiegel-Bestseller handelte, doch ich dachte mir, ich halte
einen weiteren Jugend-Fantasy-Roman aus dem gegenwärtig zuhauf publizierten
SciFi-Einheitsbrei in den Händen, um den in den Medien (zu) viel Wind gemacht
wird.
„Jeder kann einen verraten.“
Doch das Buch hat mich wider meine Erwartungen 100 %ig überzeugt. Nach 60 Seiten konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Ich fühlte mich bei der Protagonistin an die eigensinnige Katniss Everdeen erinnert (ich habe Die Tribute von Panem geliebt und tue es immer noch!), und in der Tat haben Aveyards und Collins Erzählungen einige Gemeinsamkeiten: Da gäbe es die mutige, aufmüpfige, aber irgendwie doch liebenswürdige Protagonistin mit hinreichend Identifikationpotenzial, die Dreiecksbeziehung, in der sie mit zwei konkurrierenden Kerlen steckt und die fantastische, in verfeindete Oppositionen geteilte Welt. Doch je weiter sich die Geschichte voran bewegte, desto mehr entfernte sich Aveyard von bereits Bekanntem, wurde immer individueller und unberechenbarer. Sie weiß gekonnt das Garn zu spinnen, aus dem gute Geschichten gemacht sind.
Was mich
besonders eingenommen hat, war Folgendes: Das Abenteuerliche – Neugierweckende –
das jedem Auftaktroman einer
mehrbändigen Reihe innewohnt, begegnete mir schon auf den ersten Seiten.
Natürlich besitzt jeder Fantasyroman diese Voraussetzungen; doch in Die rote Königin hat dieses Charakteristikum
derart intensiv auf mich eingewirkt, wie schon lange nicht mehr. Aveyards
fantastische Welt ist nah genug an Panem, Mittelerde oder der Tintenwelt dran,
um familiär zu wirken und das Niveau des Bekannten halten zu können, jedoch
auch weit genug davon entfernt, um durch seine Einzigartigkeit zu bestechen.
Um es kurz zu fassen besticht Die rote Königin durch unvorhersehbare Handlungsumschwünge, überzeugende Charaktere und einen unkonventioneller Plot, der Lust auf mehr machen. Schon jetzt habe ich mich nach dem zweiten Teil umgesehen und kann es kaum erwarten zu erfahren, wie es mit Mare, Cal und Maven weitergeht. Hoffentlich kann die Autorin das erreichte Niveau halten, ich bin gespannt.
Gestern Abend kam Cinderella im Fernsehen. Eine Disneyproduktion mit realen Darstellern aus dem Jahr 2015. Lily James (Mamma Mia. Here we go again), Helena Bonham Carter (Harry Potter) und Richard Madden (Game of Thrones) in den Hauptrollen. Ich bin ein bekennender Fanvon Kinderfilmen und Märchen, weshalb ich nicht umhin kam, mir den Film anzusehen.
Es war ein sehr bezaubernder Film mit Magie und hübschen Kostümen, natürlich seichte Unterhaltung, kindgerecht mit Happy End. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Denn als ich nach dem Film im Bett lag, habe ich mir so meine Gedanken gemacht. Zu Märchen und Kindergeschichten allgemein. Denn oft steckt in diesen eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt. Märchen sind voller typenhafter Charaktere und die Guten siegen gegen die Bösen, weil sie ja gut sind und in einer optimalen Welt, da gewinnt nun einmal der Held mit dem reinen, aufrichtigen Herzen. Klingt vielleicht erst einmal ziemlich utopisch und kitschig, ist auf den zweiten Blick aber eine Erkenntnis, auf die wir in unserem Alltag des Öfteren zurückgreifen sollten. Wie eine Freundin vor kurzem zu mir sagte: „Liebe und Hass verbreiten sich wie eine Krankheit. Begegnest du einer Person freundlich, dann wird sie auch zu jemand Anderem liebeswert sein. Begegnest du jemandem jedoch mit Hass, dann wird er sich anseinen Nächsten auf dieselbe Art nähern. Du entscheidest also über weit mehr als deine eigene Handlung.“
Erst letzte Woche war ich in der Buchhandlung, um einen Blick auf das (wirklich umfassende) Weihnachtsangebot zu werfen und meine letzten Feiertagseinkäufe zu tätigen, als ich wie immer bei den Kinderbüchern hängengeblieben bin. Ich liebe sie einfach! Sie sind oft mit viel mehr Liebe produziert als Bücher für Erwachsene. Und die aufwändigen Illustrationen begeistern mich jedes Mal aufs Neue. Gerne würde ich das auch können. In „Erwachsenenbüchern“ hat man so etwas ja nicht mehr (mal abgesehen von den Romanen Walter Moers). Früher, als Kind, erfreute man sich an den Bildern und konnte sich die erzählte Geschichte dadurch besser vorstellen, aber mit wachsendem Alter, so glaubt man, benötigt man sie nicht mehr, um der eigenen Imaginationskraft Hilfestellung zu leisten. Sie werden deshalb meist als schmückendes, jedoch nutzloses Beiwerk abgetan und überblättert, um schnellstmöglich der Handlung weiter folgen zu können. Dabei sind sie so viel mehr. Endlich ist man in der Lage, die Kunstfertigkeit und das Handwerk hinter dem Bild zu erkennen und oft sieht man mit dem „gereiften“ Auge mehr, als sich einem als Kind offenbart hat. Darüber hinaus wird man daran erinnert, was man damals gedacht und gefühlt hat – man reist gewissermaßen zurück in die Vergangenheit, erhascht einen Blick auf die Person, die man einst gewesen ist. Fragen tauchen dann auf: Ist man zufrieden mit seinem gegenwärtigen Ich? Hat man noch dieselben Wünsche und Vorstellungen wie damals? Ist man glücklich?
Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist, dass in Kinderbüchern ein immenser Fundus an Weisheit zu finden ist – selbst oder gerade für Erwachsene. (Ich weiß, selbst das ist eine Binsenweisheit, mit derallzu oft um sich geworfen wird. Aber ich finde, man kann es nicht oft genugsagen :)). Otfried Preußlers Die kleine Hexe zum Beispiel bringt uns bei, zu uns selbst zu stehen und uns nicht von anderen nach deren Vorstellungen verbiegen zu lassen, obwohl es doch so sehr gegen unsere Natur ist. Momo von Michael Ende zeigt das Paradox der Zeit auf, dem wir als Erwachsene unterliegen. Ein jeder strebt danach, so viel Zeit wie möglich zu haben, schafft es jedoch nicht, sich dieser bewusst hinzugeben, wenn er sie endlich hat oder füllt sie mit unnützen, inhaltslosen Dingen.
„Niemand schien zu merken, dass er, indem er Zeit sparte, in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Keiner wollte wahrhaben, dass sein Leben immer ärmer, immer gleichförmiger und immer kälter wurde.“ (Michael Ende, Momo)
Findet ihr nicht auch,dass dies eine Botschaft ist, an die wir gerade in unserer heutigen schnelllebigenZeit, in der wir von einem Termin zum anderen hetzen und das wirklich Wesentliche aus den Augen verlieren, an die wir erinnert werden sollten? So oft es geht? Damit wir daran vielleicht auch mal etwas ändern? Wie gelangt ein Thema von derartiger Aktualität in ein Kinderbuch der Siebziger? Der Klassiker ist fast jedem ein Begriff, aber wer würde auf die Idee kommen, es in die Hand zunehmen – gerade, wenn man keine Kinder hat – und sich die Message zu verinnerlichen?
Oder in dem Cinderella-Film gestern Abend, da wiederholte die Stimme der guten Fee immer aufs Neue: „Aber Cinderella vergaß nie ihr Versprechen ihrer Mutter gegenüber, stets mutig und freundlich zu sein.“ Was letztendlich ja dazu geführt hat, dass sie ihr Glück finden konnte.
Warum wohl erzählen wir Kindern Geschichten dieser Art? Die Absicht liegt darin, ihnen bestimmte Werte zu vermitteln und sie zu guten, aufgeschlossenen und ehrlichen Menschen zu erziehen. Eine durchaus ehrenhafte Absicht, wie ich finde. Jedoch vergessen wir das Gelernte allzu bald wieder, wenn wir vom Kind zum Erwachsenen heranreifen. Man verliert denn Sinn für Phantasie, Idealismus, Moral, Engagement. An diesem Punkt hören wir, wir sollen uns durchboxen, im Leben bekäme man nichts geschenkt, jeder sei sich selbst der Nächste….Was soll das, frage ich mich? Wo ist die Weisheit aus den Kinderbüchern denn geblieben? Wie können wir von Kindern verlangen, jene Tugenden zu lernen und zu verinnerlichen, wenn wir selbst nicht mehr in derLage sind, diese anzuwenden?
Deshalb mein Wunsch: Lest mehr Kinderbücher! Lest die Werke, die ihr seit eurer Kindheit aus Nostalgiegründen von Umzug zu Umzug mitschleppt und erinnert euch daran, warum ihr davon so begeistert wart, als ihr noch fliegen und mit Tieren sprechen konntet!
Liste meiner Kinderbuch-Klassiker:
Momo ( Michael Ende)
Die kleine Hexe (Otfried Preußler)
Die Märchen der Gebrüder Grimm
Tom Sawyer (Marc Twain)
Alice im Wunderland (Lewis Carroll)
Good Night Stories for Rebel Girls (Elena
Favilli und Francesca Cavallo)