Die verfluchte Zeugin: „Melmoth“

(Rezensionsexemplar)

„Sie wispert und gurrt und kennt die Namen aller Menschen. Sie folgt dir durch Straßen und dunkle Gassen, oder sie kommt in der Nacht und setzt sich auf deine Bettkante. Kannst du es dir vorstellen, spürst du, wie die Matratze sich absenkt und die Decke verrutscht? S. 92

Wenn Alpträume sich in die eigene Realität verirren, was tun wir dann? Wenn wir uns plötzlich nicht mehr sicher sind, wo diese enden und unsere Imagination beginnt? Wenn wir glauben, nicht mehr Herr unserer Sinne zu sein? Ja, was tun wir dann?

Diese Frage muss sich wohl oder übel auch Helen Franklin stellen, als ihr Freund, Karel Pražan, sie mit der Geschichte von Melmoth konfrontiert. Der völlig Veränderte verschwindet kurz darauf unvermittelt aus ihrem Leben und die schaurige Legendengestalt Melmoth könnte der Grund dafür sein. Doch wer ist sie?

Die Frau in Schwarz ist der Überlieferung nach dazu verdammt, ewig alleine mit blutigen Füßen auf Erden umher zu wandeln, weil sie es gewagt hat, die Auferstehung Jesu zu leugnen. Eine Frau, die seither in die Legenden und Gemüter der Abergläubigen und Alteingesessenen lebt, eine Schauergestalt, die jeder kennt, von der aber keiner öffentlich spricht. Ein Gruselmärchen, das Kindern erzählt wird, damit sie sich benehmen. Doch die Gläubigen sind da anderer Ansicht. Für sie ist Melmoth viel mehr als nur ein Ammenmärchen. Helen weigert sich zunächst noch, diese Ansicht für voll zunehmen, doch dann geschehen diese merkwürdigen Dinge…

Eine Sache hat die britische Autorin Sarah Perry in ihrem Roman richtig gemacht: Einen fesselnden und schaurigen Stoff ausgewählt. Ihre bescheidene Protagonistin stößt im Prag der Neuzeit auf ein merkwürdiges Manuskript, wodurch ihr Schicksal eine unerwartete Wendung nimmt, wodurch sie nicht zuletzt von ihrer so sauber verdrängten vergangenheit eingeholt wird. Ein ebenso klassischer wie wirkungsvoller und vielversprechender Einstieg. Neben ihrer Geschichte werden auch noch die von drei weiteren Personen aus verschiedenen Zeitebenen erzählt, wodurch der Leser Einblick in das vergangene Wirken der ewigen Zeugin Melmoth erhält.

„Als ich ein Kind war, hat man mir erzählt, dass du auf Erden wandelst und die Schandtaten und die Niedertracht der Menschen beobachtest; dass du überall dort, wo die Sünde am größten ist, als Zeugin fungierst. Angeblich erscheinst du jenen, die in tiefster Verzweiflung sind, du streckst deine Hand aus und bietest ihnen deine Freundschaft an, weil deine Einsamkeit so furchtbar ist.“

„Das stimmt. Ich bin einsam.“ S. 294

Und ich bin ein sehr großer Fan davon, wenn alte Legenden, Traditionen, Überlieferungen und mystische Figuren der Vergangenheit aus ihrem Schattendasein herausgezerrt und an die Oberfläche der Gegenwart gebracht werden. Deshalb hat mich die Geschichte von Melmoth, von der ich zuvor (leider) noch nie etwas gehört hatte, sehr fasziniert und mich dazu bewogen, dass Buch zu lesen. (Melmoth der Wanderer ist übrigens ein 1820 erschienener Schauerroman des irischen Schriftstellers Charles Robert Maturin und gehört in das Genre des Gothic Horror. )

An dieser Stelle sei auch auf die unglaublich schöne Gestaltung des Covers und auf die tolle Haptik des Buchs hingewiesen. Beide greifen den Inhalt, das Genre und die Stimmung des Romans eins zu eins auf, was für mich definitiv ein Kaufargument ist.

Die blauen Federn stehen für die Dohlen im Roman. Sie sind eine Begleiterscheinung von Melmoth und ein Zeichen für ihre Anwesenheit

Trotzdem gelang es dem Roman leider nicht, mich von sich zu überzeugen. Der akribische, teilweise seitenfüllende Beschreibungsdrang der Autorin war eher störend als hilfreich. Dadurch wirkten die Sätze so überladen wie die Wohnung von Helens Vermieterin. Zudem wirkt der eigentümliche Erzähler mitunter wie ein Fernsehkommentator, der während eine Filmvorführung immer wieder auf die Pause-Taste drückt und das Geschehen bespricht. Leser und Erzähler selbst treten dabei zurück, werden zum absoluten Beobachter und die Zeit wird ins Endlose gedehnt. Und obwohl die Geschichte sich auch leicht lesen ließ, nahm sie für mich nie wirklich Fahrt auf. Nach über 150 (von 330) Seiten fragte ich mich immer noch, wo die Autorin eigentlich hin will, es war noch nichts Nennenswertes passiert.

Das Ende ist zum Teil vorhersehbar – was nicht per se schlecht ist – driftet jedoch an einem Punkt ins Absurde ab. Was mich besonders gestört hat ist, dass es für die Figuren keinen wirklichen „Aha-Moment“ gibt. Sie nehmen die Existenz von Melmoth einfach hin, stellen sie nie wirklich in Frage und nehmen sie trotz der tödlichen Gefahr, die von ihr ausgeht, nicht ernst; die Figur wird sogar zu einer Art Running Gag.

Alles in allem ist der Roman ist für mich wie eine gute Idee auf dem Papier, die in ihrer Umsetzung nicht ganz so gelungen ist. Aufgrund einiger wirklich toller Passagen finde ich zwar einleuchtend, warum man Perry als „Meisterin der Atmosphäre“ bezeichnet, wie z.B.

„Auf einmal war es, als hätte sich alles Schlechte in den Herzen der Menschen, über das ich nie weiter nachgedacht hatte – Eitelkeit, Arglist, Grausamkeit – , in eine feste Substanz verwandelt, und die Substanz sammelte sich dort oben wie ein Fliegenschwarm. Nach einer Weile änderte sich ihre Beschaffenheit, und sie hing über dem Podest wie ein hauchdünnes, schwarzes Seidentuch, das in der Brise flattert. Das Tuch verlängerte sich, und kurz darauf floss das Tuch die Treppenstufen herunter wie Tinte.“ S. 66;

allein diese Fähigkeit macht aber noch keine gute Geschichte und keinen herausragenden Erzähler. Ein Autor muss das konsequent durchhalten können, um sein eigenes Niveau und nicht zuletzt die Leseraufmerksamkeit zu halten.

Für eine Sache möchte ich Sarah Perry und dem Eichborn Verlag (unter Bastei Lübbe) aber unbedingt danken: Der Einsatz und das Bestreben, kulturelles Wissen und Tradition zu erhalten, ist wirklich lobenswert.

Letztendlich bleibt Melmoth leider nur ein netter Versuch: Wer auf seichten Grusel steht, kommt hier bestimmt auf seine Kosten, zudem könnte auch ein etwas jüngeres Publikum dafür zu begeistern sein. Hübsch im Bücherregal macht sich das Schmuckstück auf jeden Fall.

PS: Wer über eine Anschaffung nachdenkt, dem sei angeraten, auf jeden Fall bis zum Ende zu lesen: Die Schlusswendung offenbart die Identität des Erzählers…und das lässt einem tatsächlich einen Schauer über den Rücken laufen.