Nell Lyshons „Die Farbe von Milch“

Von bestechender Menschenkenntnis und bedingungsloser Ehrlichkeit: Eine etwas andere Rezension

„Manchmal ist es gut wenn man ein Gedächtnis hat denn das ist die Geschichte des eigenen Lebens und ohne Gedächtnis hätte man gar nichts. Aber manchmal da bewahrt das Gedächtnis Dinge auf die man lieber nicht mehr wüsste und egal wie sehr man sich anstrengt sie aus dem Kopf zu kriegen sie kommen immer wieder zurück.“ (S. 163)

Die blutjunge, unbedarfte und etwas geistlose Mary sagt, was sie denkt. Immer. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Damit ist sie zu etwas in der Lage, das wir, die Menschen des 21. Jahrhunderts, nicht mehr zu können scheinen. Sie ist uns in diesem einen, wichtigen Punkt überlegen, obwohl sie in den frühen Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts als Teil der untersten Gesellschaftsschicht geboren worden ist.

Es mag also auf den ersten Blick einfältig erscheinen, dass sie spricht, ohne vorher zu denken. Was berechtigt sie denn dazu? Bildung? Stand? Geschlecht? Nichts von alledem. Dies mag auch ihrem einfachen, arbeitssamen Leben als Bauernmädchen und ihrem Dasein als jüngste von vier Schwestern zu Schulden sein. Doch so ist es nicht, ein solches Urteil wäre zu simpel. Mir drängt sich an diesem Punkt die Vermutung auf, ob sie nicht die klügste Person in der gesamten Geschichte ist. Denn durch ihre unverblümte Art lockt sie ihr Gegenüber ungewollt gekonnt aus der Reserve, gelangt an eine Machtposition im Wortgefecht, die sie nicht einmal angestrebt hat. Sie versteckt sich nicht hinter scheinheiligen Höflichkeitsfloskeln und falscher Freundlichkeit, egal, welche Konsequenzen ihr auch drohen. Sie ist bedingungslos ehrlich. Und genau aus diesem Grund kommt sie damit auch durch – fast.

So äußert sie dem gesellschaftlich höhergestellten Sohn ihres Arbeitgebers gegenüber: „Es ist nicht nötig dass du dich bei mir entschuldigst, sage ich. Der Mensch bei dem du dich gern entschuldigen würdest ist jetzt weg, das ist also zu spät. Du musst eben über die Dinge nachdenken bevor du sie tust und sagst.

Er lächelte Du änderst dich nie, oder?

Nein, sage ich. Aber du solltest das vielleicht.“ (S. 130)

Offenbar besitzt das unterschätzte Mädchen eine herausragende Beobachtungsgabe und eine gute Menschenkenntnis. Sie ist so scharfsinnig wie scharfzüngig – obwohl das erst auf den zweiten oder dritten Blick ersichtlich wird. Das zeugt von wahrer Charakterstärke. Genau deshalb ist die Die Farbe von Milch auch so spannend. Manch einer mag sie vielleicht als ungeformt bezeichnen, und das ist Mary zweifellos. Sie ist ein ungeschliffener Diamant. Ihr ist jegliche Bildung fern. Doch sollte man sich überlegen, zu welch außergewöhnlichen Erkenntnissen sie fähig wäre, würde sie ihr angelegtes Potenzial vollends ausschöpfen. Ihr Dienstherr, der Pfarrer, äußert irgendwann, Mary besäße „eine gewisse angeborene Schärfe oder Geist“ (S. 132), womit er meine These untermauert.

Marys Charakter wird ihr schließlich zum Verhängnis.

Sprachlich bewegt sich die Autorin absichtlich auf einem sehr niedrigen Level. Sie benutzt kaum Kommata und kein Anführungszeichen. Schließlich kann die Protagonistin zu Beginn weder lesen noch schreiben. Aus Sicht der autodiegetischen Erzählerin – Mary – schildert sie die Ereignisse. Zunächst plätschert die Handlung nur so dahin, man weiß nicht wirklich, wo die Autorin hin möchte. Der Erzählfluss selbst wird wiederholt durchbrochen von akuten Überlegungen in der Jetzt-Zeit, denn Mary schreibt ihre Geschichte in eben diesem Moment nieder. Dem Leser gegenüber hat sie ebenfalls absolute Ehrlichkeit versprochen. Und das macht sie in ihren eindringlichen Anreden deutlich. Sie hält sich daran, wenn auch nicht immer beim ersten Mal. Sie wird zwischendurch zu einer unzuverlässigen Erzählerin. Letztendlich hat sie  ja auch keinen Grund zu lügen, wie sie selbst sagt.

Neben der Schicksalsgeschichte einer Einzelperson gibt Leyshon ein ebenfalls gut beobachtetes Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts. Sie thematisiert die damalige Rolle bzw. die Machtlosigkeit der Frau dem Mann gegenüber.

Letztendlich ist Die Farbe von Milch ein wirklich gutes Buch, das sich mit der immer noch aktuellen und ungebrochen wichtigen Thematik der Frauenbehauptung und Empowermentbewegung befasst. Es ist voller Tiefgang – auch, wenn das Cover und der Titel mit einer kontrastierenden Blässe und Farblosigkeit arbeiten. Fans von Margarete Atwoods „Alias Grace“ werden eine Ähnlichkeit erkennen, nicht nur, weil die Protagonistinnen denselben Namen tragen.

Übrigens: Von dem Roman gibt es seit März eine tolle Taschenbuchausgabe vom Heyne Verlag 🙂

Auf der Couch…Von Monstern und Menschen. Und Selbstwertgefühl

„Die Welt schuldet dir nichts.“

Diesen erschütternden und zur selben Zeit unglaublich zynischen Satz musste ich vor kurzem im Feed einer Instragramerin lesen. Ich war… schockiert. Einerseits, weil ich ihr im ersten Moment bedingungslos recht geben musste. Die Aussage klingt einleuchtend.

Und andererseits, weil ich auf den zweiten Blick finde, dass sie vollkommen falsch liegt. So begann ich nachzudenken und meine Perspektive zu hinterfragen. Natürlich schuldet die Welt mir nichts: Kein großes Auto, nicht die Millionen im Eurojackpot, keine 10 Michael-Kors-Taschen und auch nicht das Fünf-Gänge-Menü jeden Abend im hippen Sushi-Restaurant in der Münchner Innenstadt.

Aber was ist mit Anerkennung?

Mit Respekt?

Mit Wertschätzung?

Ein Gedanke, der mir seit einiger Zeit im Kopf herumspuckt. Versteht mich bitte nicht falsch. Mir geht es nicht darum, mich selbst von außen bestätigt zu bekommen. Ich weiß, was ich kann und wer ich bin, damit habe ich mich in den letzten Jahren zu Genüge auseinandergesetzt. Aber was mich dermaßen entsetzt ist, dass positiver Aktivismus, Einsatz, Engagement und Tatendrang von unserem Gegenüber dermaßen häufig rücksichtslos gegen die Wand gefahren werden. Was viel zu oft vergessen wird, ist, dass hinter jedem Gesicht ein Leben steckt.

Lasst mich ein Beispiel hierfür geben: Seit ein paar Monaten befinde ich mich beruflich gesehen im freien Fall. Ich habe mein Studium mit eins Komma bestanden, habe abgeliefert wie erhofft. Monatelang habe ich mich in meine Sisyphosaufgabe gestürzt und am Ende triumphierend mein Abschlusszeugnis in der Hand gehalten. Für einen Moment fühlte ich mich wie Herkules, der siegreich der Hydra den einen Kopf abgeschlagen hatte – bevor drei neue nachgewachsen sind und ich auf einmal die Kopflose war.

Mein ganzes (Lern-)Leben lang habe ich mich angestrengt, gelernt, gebüffelt, verzichtet, Freunde und Freizeit, Selbsterfüllung hinten angestellt, weil man mir erzählt hatte, dass ich es dann – und nur dann – am Ende zu etwas bringen würde. Zu nichts Großem unbedingt, aber zu etwas Kleinem. Etwas Wertvollem. Wenn ich nur genug Eifer an den Tag legte und mich richtig reinhängen würde, dann würden das potenzielle Arbeitgeber auf den ersten Blick und trotz aller Widerstände erkennen und mich vorbehaltlos einstellen.

Wer mir das erzählt hat, dem gehört gründlich der Kopf gewaschen, denn es ist schlichtweg nicht wahr. Ich wage zu sagen, es grenzt fast ans Utopische. Denn bei den unzähligen Vorstellungsgesprächen für unbezahlte und überbewerte Jobs, die ich brauche, damit ich „Berufserfahrung“ vorweisen kann und deren Personaler davon überzeugt sind, ihre hierin vermittelten Erkenntnisse wären ja Belohnung genug, hat mich keiner so richtig ernst genommen und nach der Person hinter dem Bewerbungsbogen gefragt.

Ich muss gestehen, so richtig hervorgestochen sind meine Qualitäten wahrscheinlich nicht. Ich kann ja auch eigentlich nur wiederholen, was in der Bewerbung steht. Aber wie soll ich denn was besonders Herausragendes sagen, wenn mir mein Gegenüber nur drei Fragen stellt, von denen ich nicht finde, dass sie besonders aussagekräftig für meine Befähigung sind.

Haben Sie unsere letzte Ausstellung/ Lesung/ Veranstaltung besucht bzw. haben sie unsere Unternehmenspolitik die letzten 6 Monate und länger verfolgt?

(Einzig mögliche Antwort: Ausnahmslos ja. / Meine Antwort: Nein, aber….ähm… (Natürlich lese ich die regelmäßigen Ergüsse aller 50 Arbeitgeber, bei denen ich mich beworben habe. Nicht. Wie denn auch?))

Warum kamen Sie gerade  auf unser Unternehmen?

(Richtige Antwort: Weil ich schon immer davon geträumt habe genau hier zu arbeiten und bewundere, was sie tun. / Meine (gedachte) Antwort: Was soll denn so eine Frage? Wenn ich sie nicht interessant finden würde, wäre ich ja nicht hier, warum muss ich das jetzt näher definieren? Weil das eine gute Chance ist und sie mir gefallen und ich im Netz halt darauf gestoßen bin. Man kann doch nicht für jede Stelle von Anfang an Feuer und Flamme sein! Richtig ist allein die Einstellung, mit der man an die Sache rangeht, oder?!)

Haben sie noch Fragen?

(Richtige Antwort: Ja. Gedenken Sie in Zukunft ihre Firmeninfrastruktur noch umfassender auszugestalten? Und wie sieht ihr ökologischer Fußabdruck aus? / Meine Antwort: Ja. Wie hoch ist mein Gehalt? Wie viele Urlaubstage habe ich zu Verfügung? Finden Sie, die drei vorangegangenen Fragen sind repräsentativ für meine Eignung? Meinen Sie, Sie hätten aufgrund meines Bulimielernens  ihrer Homepage-Inhalte auch nur hinreichend erkannt, warum sie mich einstellen sollten? Meinen Sie nicht, sie sollten mich fragen, was mich persönlich ausmacht? Was meine Beweggründe sind? Was mich begeistert?

Nachdem ich in all diesem enttäuschenden Gesprächen (und damit meine ich, dass ich vom meinem Gegenüber enttäuscht war) und nach unzähligen Erfahrungen – weshalb ich es doch endlich eigentlich besser wissen müsste – das Besprechungszimmer verlassen habe, fallen mir natürlich hundert Dinge ein, die ich stattdessen oder „auch noch“ hätte sagen können. Dass ich zum Beispiel von ganzem Herzen überzeugt bin, die richtige Person für die Stelle zu sein. Nicht, weil ich vorher auswendig gelernt habe, was ich während der Anstellung sowieso jederzeit auf der Website nachschlagen kann. Das kann in unserer digitalisierten Welt jeder Erstklässler mit Smartphone. Und der Umstand, dass ich es erst gestern und nur halbherzig getan habe beweist noch lange nicht mein mangelndes Interesse am Unternehmen. Es hat einfach keinen Mehrzweck. Ich hätte sagen sollen, dass ich engagiert bin. Jung und motiviert, bereit, alles zu geben und mich zu 100 Prozent einzusetzen, weil ich verdammt nochmal gerne tue, was ich mache. Dass ich lernen will, jeden Tag.

Aber wo hätte ich das unterbringen können, ohne wie ein egomanischer Volltrottel dazustehen, der nicht weiß, wann sich der Slot zum Sprechen geschlossen hat?

Damit will ich nicht sagen, dass mein Selbstwertgefühl gerade einmal so groß ist wie ein ungehäufter Teelöffel Zucker. Dass ich nicht für mich einstehen kann und mich im besten Licht präsentieren kann. Doch wenn dein Umfeld dich nicht erkennen will, kannst du dich noch so sehr bemühen. Es klappt nicht. Manchmal ist die Welt ein Monster.

Worauf ich schlussendlich hinaus will, ist Folgendes: Ich denke doch, dass die Welt mir etwas schuldig ist. Ich will gesehen und nicht einfach abgefertigt werden. Ich will meine Chance, will beweisen, dass ich es kann und, dass Engagement und Lerneifer um so vieles wichtiger sind, als eine perfekte Selbstdarstellung. Ich will, dass man wertgeschätzt wird für das, was man ist und das, was man gibt. Ich will, dass Einsatz belohnt wird und nicht ignoriert. Nicht, weil ich in meinem Kopf noch ein kleines Kind geblieben bin, das fürs Zimmeraufräumen mit einem Eis belohnt werden will. Sondern weil ich glaube, dass wir als Mensch mehr sind als die bloße Summe unserer Tätigkeiten. Wir könnten und sollten uns über so viel essentiellere Dinge definieren, als über unsere objektiv messbare Leistung.

Doch stets aufs Neue wird man ausgebremst, bis man ausgebrannt ist und vom bewundernswerten Einsatzwillen nichts mehr übrig ist als ein Häufchen Zucker. Ungehäuft.

Unweigerlich fühle ich mich an eine Passage aus einem Schultheaterstück, in dem ich vor ein paar Jahren mitspielte, erinnert. Damals habe ich nicht wirklich verstanden, um was es ging, aber nun bin ich älter und hoffentlich auch weiser und glaube, die Botschaft verstanden zu haben. Meines Erachtens nach ist sie heute so aktuell wie damals. Das Stück handelte von bedingungslosem Aktivismus und dem Gedanken der Weltverbesserung. Die Akteure waren (zumindest die meisten) bedingungslos gütig und opferbereit. Doch die Umstände machten sie kopflos und manövrierten sie in eine ausweglose Situation. Letztendlich waren alle Bemühungen zwecklos, die Anstrengungen hinfällig und die hoffnungsvollen Träumer ausgebrannt:

„Ich bin Alice und ich wohne im Wunderland. Da musst du drei Formulare ausfüllen, bevor du einen retten darfst, der gerade ertrinkt.  Da musst du zwanzig Teamsitzungen überstehen, bevor du zu keinem Ergebnis kommst. […] Und du redest davon, dass man was tun muss, dann erntest du das fette, kryptische Grinsen der Edamer Katze.“[1]


[1] Skala, Marlene: Räuber. Schiller für uns. Deutsche Theaterverlag, hier S. 21.