Someone interesting

Wann habt ihr das letzte Mal jemanden getroffen und wart so richtig begeistert?

Diese Frage habe ich mir schon lange nicht mehr gestellt. Und warum? Weil ich ebenso lang niemanden getroffen hatte, auf den das zutreffen würde. Ich will damit nicht sagen, dass es dort draußen keine interessanten Menschen mehr gibt (was aufgrund der ganzen Internet-Zombies, die überall herumlaufen, -sitzen, -stehen und -liegen, dabei permanent und derart intensiv in ihr Smartphone starren, als ob es um ihr Leben ginge, gar nicht so abwegig ist).

Ich will damit sagen, dass es mir in den letzten Jahren zum einen zunehmend schwerer gefallen ist, mich auf unbekannte Leute einzulassen, offen zu sein für die Begegnung, mich einfach fallen zu lassen. Immer, wenn sich eine solche Situation hätte ergeben können, habe ich nur das Nötigste gesagt, (oder gar nichts), habe mich nach dem „Danke, ihnen auch einen schönen Tag!“ umgedreht und bin meines Weges gegangen. Alleine.

Oder ich war auf einer Party, saß auf der Couch und wartete, dass etwas Spannendes passierte. (Was wahrscheinlich alle anderen auch getan haben). Als sich nach 10 Minuten immer noch keiner zum Affen gemacht hatte oder jemand mit einem alles verändernden Gesprächsthema um die Ecke kam, gab ich auf und ging schon wieder meines Weges. Alleine.

Erleichtert, dass es endlich vorbei und ich nicht mehr gezwungen war, mich anderen Menschen zu stellen.

Aber auch traurig und mit einem bitteren Gefühl auf der Zunge, weil ich doch eigentlich offen sein wollte.

Auf dem Heimweg starrte ich in mein Handy (haha) und in die Nacht hinaus, aus dem Fenster des fahrenden Busses. Ab und an zog ein Gesicht an mir vorbei, jedoch kam ich nicht einmal auf die Idee, mich zu fragen, was für ein Leben dahinter stand. Als ich dann daheim angekommen war, wunderte ich mich, warum die Party eigentlich so langweilig gewesen war, warum sich keiner die Mühe gemacht und mich angesprochen hatte. Was zur Konsequenz hatte, dass ich mich ärgerte, überhaupt hingegangen zu sein. Das nächste Mal, so nahm ich mir vor, würde ich fernbleiben.

Und, bemerkt ihr die Ironie des Ganzen?

Zum anderen habe ich irgendwie verlernt, die richtigen Fragen zu stellen. Wie betreibt man heute noch eine gelungene, ansprechende und wertvolle Konversation, aus der beide Parteien hinausgehen und denken: „Wow, so habe ich das noch gar nicht gesehen!“ oder „Echt cool, diese/r XY, sie/ihn würde ich gerne wiedersehen!“ Und das soll jetzt nicht auf die Datingschiene gehen. Mir geht es ganz allgemein um den Dialog mit einem neuen Gegenüber. Wenn ich heute jemand Neues kennenlerne, dann habe ich immer das sprichwörtliche Brett vorm Kopf. Mir fällt nichts Besseres ein als „Und, was machst du so?“. Dann bekommt man die abgespeckte Version des Lebenslaufs vor den Latz geknallt und das war‘s dann auch. Keine der Parteien will weiterreden, schweigen fühlt sich aber genauso unangenehm an. Man starrt sich ein paar Sekunden peinlich und unentschlossen an, dreht sich halb weg und sagt: „Ich geh mal meine Leute suchen. Hat mich gefreut.“  (Was eigentlich nicht die Wahrheit ist, schließlich weiß man ja nichts von der Person, sodass man den Kontakt beurteilen könnte).

Was also tun? Ehrlich gesagt, habe ich darauf aktuell leider keine passende Antwort, ich wünschte, es wäre anders. Gerne hätte ich selbst jemanden, der mich an die Hand nimmt und mir erklärt, wie ich mich einer anderen Person gegenüber verhalten soll und welche Knöpfe ich drücken muss, damit wir beide davon etwas haben. Schließlich sind wir alle Menschen, wir sind soziale Geschöpfe, die auf die Kommunikation und den Austausch angewiesen sind.

Schuld an dem Ganzen Übel ist der Luxus, der mit unserer digitalen und personalisierten Welt einhergeht.

Wir können alles und jeden jederzeit haben, genauso schnell aber auch ablehnen. Wir können eine (unangenehme) Konversation einfach wegdrücken, offline gehen, wenn wir es wollen und online sein, wenn wir wieder bereit sind, uns der Umwelt zu stellen. Wir starren abwesend in unsere Telefone, wenn wir in einer Gemeinschaft am Tisch sitzen, in der verzweifelten Hoffnung etwas darin zu finden, das uns interessiert. Dabei sitzt das Interessanteste uns nicht selten gegenüber. Wir können unsere Taschen und unseren Schmuck personalisieren lassen, persönliche Playlists erstellen, die Netflix-Serie anhalten, wenn wir „mal kurz“ unsere Nachrichten checken wollen[1] und uns auf Instagram vom Neuigkeiten aus dem Alltag anderer (oft Wildfremder) berieseln lassen, weil wir meinen, unser eigener wäre monoton (Woran das wohl liegt?). Kompromisse eingehen müssen wir nicht mehr, vielen Dank, du digitale Evolution.

Obwohl wir ständig auf Instagram sind, „um uns Inspiration zu holen“, sind wir so inhaltslos und fade geworden wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Denn wir müssen es nicht mehr. Wenn wir keine Lust auf jemanden haben, dann drücken wir ihn einfach weg.

Die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren konnten nichts für ihre Auslöschung, hatten keinen Einfluss auf den Meteoriteneinschlag, der ihre Existenz zunichte machte. Wir Menschen sind so einfältig und gehen eigenständig einen Schritt weiter: Wir tragen unseren sozialen Untergang freiwillig mit uns herum.

Findet ihr das nicht unglaublich schade?

Es scheint einerseits also sehr schwierig geworden zu sein, sich von jemandem begeistern zu lassen – wir stellen unsere Ansprüche zu hoch oder zu niedrig ein, je nach Blickwinkel – und andererseits legen wir uns Steine in den Weg, wenn es darum geht, selbst aus dem tristen Einheitsbrei auszubrechen und andere zu begeistern. Dabei können wir doch eigentlich nur gewinnen oder?

Deshalb: Stellt Fragen, denn es gibt nur richtige. Interessiert euch. Nicht für eure Zehenspitzen, wenn ihr missgelaunt auf den Boden starrt, in der Hoffnung auf Besserung. Tauscht euch aus und genießt die Vielfalt der Persönlichkeiten, nicht die der Spotify-Playlists und Netflix-Videotheken. Vielleicht steht euch ja jemand ganz Besonderes gegenüber 🙂

Irgendwer hat doch mal gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Ich halte das für einen wirklich guten Ansatz.

Um auf den Anfang meines Artikels zurückzukommen: Ich habe tatsächlich vor einiger Zeit eine Person getroffen, die mich sehr begeistert hat. Dabei hat dieser Jemand nicht wirklich viel gesagt. Es war viel mehr die Art, wie er es getan hat. Ah, und er hat mich zum Lachen gebracht. Mir tut die Gegenwart dieser Person gut, davon zehre ich dann, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Aktuell stehe ich vor der Herausforderung, wie ich mit dieser Person einen Dialog aufrechterhalten kann, ohne einen falschen Eindruck zu vermitteln….es bleibt abzuwarten, ob es mir gelingt. Wünscht mir Glück.


[1] Seid mal ganz ehrlich und beantwortet mir folgende Frage: Wer von euch hat noch nie sein Smartphone zur Hand genommen  und Instagram/WhatsApp/Nachrichten etc. angeschaut, obwohl er doch gerade beim Fernsehen war?

Monthly Recap: Januar

Baby, you’re a dreamer
You don’t know what I need, yeah
Now, I know you got heart
But come back from the stars
‚Cause baby you’re a dreamer
And we all have a dream, yeah
And we can’t live in the dark
I can’t see where you are

LP – „Dreamer“

Der Monat Januar ist ja für die viele Menschen der Monat, für den die meisten Vorsätze gefasst werden. Man „rutscht“ ins neue Jahr mit Lebensoptimierungsgedanken und ein neuer Jahresbeginn fühlt sich auch oft so an, als würde im übertragenen Sinn die „Neustart“-Taste gedrückt werden.

(Die allgemeine Vorsatzstimmung ist diesen Januar in vielen Magazinintros und Blogbeiträgen verschiedener Influencer eher schlecht weg gekommen. InStyles Chefredakteurin Kerstin Weng schrieb beispielsweise:

„Aber mal ehrlich: Sind Sie auch etwas genervt von dem Druck, sich zwanghaft etwas ganz Tolles, Lebensveränderndes vorzunehmen oder – noch schlimmer – gleich eine ganze Liste mit diversen Vorsätzen abzuarbeiten?“

Entgegen dieses Trends finde ich den Gedanken eines Reboots eher hoffnungsvoll und motivierend als zwanghaft und nervig. Zudem wurde
für mich diesen Januar auch wortwörtlich die „Neustart“-Taste gedrückt, denn ich beendete im Jahr 2018 mein Masterstudium und zog zurück in meine Heimatstadt.

Allerdings gestaltet sich mein Vorhaben schwieriger als angenommen. Das mit dem Neustart hatte ich mir ein wenig anders vorgestellt: Statt alles auf Anfang hänge ich momentan zwischen alten, aber vernachlässigten Bekannten und neuen, jedoch schwer einzuschätzenden Gesichtern; meine dunkle aber private 1-Zimmer-Wohnung tauschte ich gegen mein schmetterlingverziertes Jugendzimmer in einem Haus voller unterschiedlicher Meinungen und statt Tage in der vollen aber renommierten Unibibliothek verbrachte ich die ersten Wochen in der Küche, um meiner berufstätigen Restfamilie das Mittagessen zu kochen.

Alte Gewohnheiten, von denen ich dachte, ich hätte sie in den letzten 5 Jahren Abwesenheit abgelegt, tauchen auf einmal wieder aus der Versenkung auf, als hätten sie nur ein kurzes Nickerchen gemacht. Und mein enthusiastisch geplanter Start ins Berufsleben ähnelt – zumindest zur Zeit – eher den ersten holprigen Flugversuchen eines Kükens als den souveränen Manövern eines alteingesessenen Piloten. Hinzukommt noch, dass ich am 25. Januar meine Masterabschlussfeier hatte und zurück in meine Studienstadt gefahren bin. Dort habe ich dann 2 Tage verbracht, um Freunde und Lieblingsorte zu besuchen. Aber irgendetwas hatte sich verändert, selbst dort hing ich zwischen den Stühlen: Dort habe ich keine eigenen vier Wände mehr, (obwohl ich die Gastfreundschaft meiner lieben Freunde sehr zu schätzen weiß und mich auch dort sehr heimelig fühle), war aber 5 Jahre Teil der alteingesessenen Studentenschaft. Ich bin durch die Straßen gelaufen wie gewohnt und dachte, mir muss es doch anzusehen sein, dass ich kein Teil mehr von „hier“ bin. Ich glaubte, jeder müsste meinen „Betrug“ doch erkennen. Dass ich kein Teil mehr von dort war, obwohl Freiburg für immer ein Teil von mir sein wird.

Nichtsdestotrotz bin ich genau in diesem Moment glücklich.

Da mag es niemanden wundern, dass auch die Dinge, mit denen ich mich die vergangenen 4 Wochen beschäftigt habe und die mich inspiriert haben, ein Mix aus verstaubtem Gewohnten und erfrischendem Neuen sind:

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  • Gelesen:

Die Beschenkte Kristin Cashore

Alias Grace Margaret Atwood

Ein wenig Leben Hanya Yanagihara

  • Gehört

Be Alright Dean Lewis

Kannst Du Sehen Clara Louise

Tag und Nacht Clara Louise

Ich bin Ich Rosenstolz

New Look Rita Ora

Brahms Hungarian Dance #5 David Garrett

  • Gesehen

Colette

Maria Stuart. Königin von Schottland

Alias Grace (Netflix)

Sex Education (Netflix)

Die Einkreisung (Netflix)

  • Gekauft

Schlangenlederstiefeletten von H&M (Blogpost hierzu folgt in Kürze)

Cat Person Kristen Roupernian

Von verlassenen Träumen & einem leichteren Morgen Clara Louise (Gedichte)

Wie sieht das bei euch so aus? Seid ihr eher für gezielte Vorsätze im neuen Jahr oder ist das euch egal und ihr baut Veränderungen immer dann in euer Leben ein, wenn ihr sie umsetzen wollt?