Ich weiß nicht, ob es unbedingt ratsam ist, meinen ersten Modeartikel
auf diesem Blog mit einem Text zu eröffnen, der Mode- und Konsumverhalten im
Eigentlichen kritisiert und dessen Schattenseiten (zwar auf humorvolle Weise,
aber dennoch) beleuchtet. Ebenso kontraproduktiv wäre es ja, würde ein
Fleischesser damit beginnen, die Vorteiler des Vegetarierdaseins aufzuzählen,
um sein Gegenüber davon zu überzeugen, hemmungslos dem Fleischverzehr zu frönen.
aAber vielleicht ist diese Herangehensweise der Angelegenheit nicht ganz so abträglich, wie anfangs angenommen. Die Absicht, für das Thema zu sensibilisieren und mit einem kritischeren Blickwinkel zu starten erhöht – so finde ich – denn Mehrwert des ganzen Unterfangens. Denn eigentlich ist es doch etwas Gutes, wenn man zeigen kann, dass man mit einem bewussten und selbstkritischen Blick mit Mode umzugehen versucht. Und dabei ist die Erkenntnis der erste Schritt zu Besserung. Ich will kein unbedachtes Konsumopfer und Modepüppchen sein, dass sich in die Heerscharen von naiven Mädchen einreiht, die entweder keine Ahnung haben, was in der Modebranche abgeht oder ignorant die Augen davor verschließen. Wenn es möglich ist, würde ich gerne alle Facetten abdecken. Aber jetzt einmal zum Wesentlichen:
Vor einiger Zeit war ich mit einer guten Freundin einkaufen.
Das hatte ich schon längere Zeit (eigentlich waren es nur 4 Wochen) nicht mehr
gemacht, weshalb ich mich sehr darauf freute und schon den Siegestaumel in mir
aufsteigen fühlte, den eine neue, grandiose Shopping-Trophäe für gewöhnlich
auslöst. Also ab in den nächsten Laden!
Erst einmal drinnen, steuerte ich zielstrebig den Stapel mit
den Jeans an, obwohl ich mir schon einige Zeit vorher eine wundervolle, perfekt
sitzende gegönnt hatte (was für eine Seltenheit, ihr kennt sicherlich das
Problem). „Aber egal“, dachte ich mir. Jahrelang hatte ich Probleme damit
gehabt, Hosen zu kaufen. Eigentlich war das ein Gewichtsproblem gewesen, das
wollte ich mir damals aber nicht eingestehen. Es war halt doch immer die Hose,
der Laden oder das Wetter schuld. Aber als ich letztes Jahr diesen einen Laden für mich (und meine
Schenkel) entdeckte, war es um mich geschehen. Endlich hatte ich einen Ausweg
aus dem verwirrenden Labyrinth der Hosengrößen gefunden! Wer weiß denn schon,
dass der Waschzettel Weite und Länge
angibt? (Was bedeutet jetzt 28/32? Die europäische Größentabelle beginnt doch
erst bei 32! ) Und dann ist das auch noch in jedem Geschäft anders.[1] Ich hatte nie zuvor eine solche Hose anprobiert,
allein aus Angst, am Ende in der Umkleidekabine mit einer Hose zu stehen, die
mir entweder nicht über die Schenkel passte oder so groß war, dass ich mühelos ein
drittes Bein reinpacken könnte. Außerdem kann ich ja nicht einen Stapel von 10
Hosen in die Umkleidekabine schleppen, in der minimalen Hoffnung, dass auch nur
eine annähernd passt und ich nicht, wie bei Hunkemöller, am Ende peinlich
berührt, demütig auf den Boden schauend und frustriert den ganzen anprobierten Haufen
auf den Rückgabetisch vor der Verkäuferin ablegen muss und vergeblich versuche,
ihrem vielsagenden und verurteilenden Blick auszuweichen. Es gab sie doch, die Jeans, die ich nicht unten umkrempeln und
oben mit einem Gürtel enger schnallen musste![2]
Diese Erkenntnis nun stetig folgend, kann ich von Jeanshosen aus besagtem Laden
nicht genug bekommen.
Nachdem ich also eine Hose in 28/30 aus dem Stapel gezogen
hatte, schritt ich triumphierend hinter den Vorhang. Diesen Prozess betrachtete
ich jedoch nur noch als Formalität. (In meinen Gedanken hatte ich die Hose
schon längst gekauft.) Dann kam der große Schock: Sie war zu groß! „Das wird ja
heute immer besser“, dachte ich und beauftragte die Verkäuferin, mir die Hose eine
Nummer kleiner zu bringen (Yay!!). Mit leeren Händen kehrte sie zurück und ich
war (beinahe) am Boden zerstört. Und genau an diesem Punkt beginnt ein mentales
Prozedere, von dem ich glaube, dass es von so ziemlich jeder Frau schon einmal
angewendet wurde. Ich nenne es:
„Das Schönreden“.
Dieser Vorgang tritt immer dann ein, wenn man ein richtig tolles
Teil entdeckt hat, sich aber nicht damit abfinden möchte, dass es nicht in der eigenen
Größe verfügbar ist. Dabei wird versucht, sich selbst und die eventuelle
Shoppingbegleitung davon zu überzeugen, dass das Teil doch irgendwie passt.[3]
Zu meiner Freundin sagte ich zwar, ich wisse noch nicht genau, ob ich die (nicht
passende!!) Hose kaufen würde, doch insgeheim war das doch eine Lüge. Eine
kleine. Ich wusste, ich würde sie kaufen. Einfach, weil ich sie haben wollte.[4]
Nachdem sie sich für einen tollen Pullover mit
U-Bootausschnitt entschieden hatte, machten wir uns auf den Weg zu Kasse. Selig
grinsend verließ ich danach den Laden und freute mich darauf, die Hose zuhause
noch einmal vor dem Spiegel anzuziehen und diverse Outfits auszuprobieren.
Dort erwartete mich allerdings die harte Realität in Form
meiner skrupellosen Schwester. „Die ist zu groß“, sagte sie vernichtend,
nachdem ich die Jeans stolz vorgeführt hatte. Ich zog einen Schmollmund.
„Findest du wirklich? Aber wenn ich vielleicht…“ – „Nein!“ – „Aber…“ – „Nö,
versuch‘s erst gar nicht, die ist und bleibt zu groß.“
Tja, was hatte ich mir nicht alles ausgemalt? Aber sie hatte
nun einmal Recht. In Gedanken sah ich das wahre Schicksal dieser Hose vor mir:
Ich würde sie in den nächsten Tagen irgendwann tragen. Einmal. Im Laufe des
Tages würde ich jedoch feststellen, dass dies und jenes nicht stimmt und, dass
alles mit der Größe zusammenhängt. Und dann würde sie, wie so viele andere vor
ihr, auf dem Friedhof der ungetragenen Kleidungsstücke vor sich hin gammeln,
bis ich mich dazu durchringen würde, sie auf dem Flohmarkt für einen ganz und
gar unpassenden und unwürdigen Preis zu verscherbeln. Falls sie dann überhaupt
wer haben möchte.
Also wurde ein Entschluss gefasst: Gleich morgen würde ich
sie zurückgeben. Über Nacht versuchte ich mich mehr oder weniger vergeblich
emotional auf den Verlust dieser wundervollen Hose einzustellen, die gar nicht
so wundervoll war. Wir hätten ein schönes gemeinsames Leben gehabt.
Das hat dann aber doch nicht so ganz geklappt. Aus terminlichen Gründen war es mir erst drei Tage später möglich, die Hose zurückzubringen. Wieder zurück im Laden, stellte ich mich meinem Schicksal. Doch irgendetwas hatte sich verändert. Die erste Verliebtheit, das Gefühl der vollkommenen Befriedigung war irgendwie… abgeflaut. Ich hatte mich an die Präsenz der Hose gewöhnt und war inzwischen bereit für was Neues. Als ich mich während des Umtauschprozesses, bei dem ich Name, Alter, Adresse, Rückgabegrund, Blutgruppe, Krankenkassen- und Sozialversicherungsnummer vorlegen musste, ließ ich den Blick unwillkürlich durch den Laden schweifen. Was ich mir nun alles von dem Geld kaufen konnte, das ich gleich zurückerhalten würde![5] Es war, als ob ich unverhofft ein bisschen Geld von meiner Oma zugesteckt oder auf der Straße gefunden hatte! Ein Gedanke begann in mir zu reifen. Das könnte ich ja noch viel öfter machen: Etwas kaufen, das ich gerne haben würde, ein paar Tage bei mir liegen lassen und mich daran gewöhnen und dann wieder zurückgeben, etwas Neues entdecken, wieder mitnehmen…
HALT, Stopp!!
In diesem Moment wurde mir aber klar, was ich da eigentlich
gedacht hatte. Ich war ja schon übergeschnappt. Das hat ja schon was von einem
Bulimiekranken. Erst etwas essen, auf diese Weise ein Bedürfnis befriedigen und
das Ganze ein wenig später wieder erbrechen, weil man nicht mit den
Konsequenzen dieser Entscheidung leben will. „Nein, so geht das wirklich
nicht“, schimpfte ich mich selbst. Ganz oder gar nicht, ich will keine halben
Sachen machen. Und damit verscheuchte ich den Gedanken auf nimmer Wiedersehen.
[1] Und
nicht nur das: Manchmal gibt es auch welche in S, M und L (übrigens US-Größen),
manchmal in Doppelgrößen wie 36/38 und manchmal in Einzelgrößen. Und irgendwo
existiert auch noch die britische Zahlentabelle! Wer soll denn da noch
durchblicken?
[2] Und dann
gibt es da noch diese komische Beule vorne am Schritt, die sich immer bildet,
wenn man sich hinsetzt, so dass man aussieht, als hätte man eine überdimensionale
Blase. Oder ein Kängurubaby. Oder die Genitalien eines Mannes.
[3] Daheim
wird sich aber zeigen, was man schon von Beginn an wusste: Das neu gekaufte
Teil landet zwar im Trophäenschrank….aber verstaubt dort wie jedes andere
Kleidungsstück, das unter derselben Voraussetzung gekauft wurde – der Hoffnung,
dass man doch irgendwann da reinpasst.
[4] Dazu muss
gesagt sein, dass es an diesem Tag auf alle Jeans noch 20 % Rabatt gab. Mir
blieb also nichts anderes übrig, als die Hose zu kaufen, ob ich wollte oder
nicht.
[5]
Eigentlich waren es nur 31,95 Euro, aber egal. Geld ist Geld.