Always wear the red one

Ein Plädoyer für den roten Mantel

Wenn mich jemand spontan auffordern würde, aus dem Stehgreif ein einziges Kleidungsstück aus meiner Garderobe auszuwählen und es zu meinem Lieblingsstück zu küren, dann würde die Wahl wohl ohne großes Zögern auf meinen heißgeliebten zinnoberroten Wollmantel fallen.

Seine auffallende Farbe und sein klassischer Schnitt, diese konträre Kombination macht ihn einfach zu einem zeitlosen und leicht zu kombinierenden Klassiker. Und das zu jeder Gelegenheit. Denn er lässt sich sowohl im Alltag gut zu schlichten Teilen tragen, als auch zu schickeren Anlässen – man muss lediglich das Schuhwerk wechseln.

Meinen roten Mantel habe ich im Herbst 2017 bei Mango ergattert – und seine Beliebtheit ist bis heute ungebrochen.

Selten wurde ich so oft auf ein Kleidungsstück angesprochen wie auf diesen einen roten Mantel. Selten hab ich derart viel positive Resonanz auf ein Teil aus meiner Garderobe erhalten.

Der rote Mantel ist das It-Piece, durch das selbst das langweiligste oder schlichteste Outfit ohne große Mühen aufgewertet werden kann. Rot ist eine Signalfarbe, fällt in der Menge auf. Ein wenig Mut gehört schon dazu, ein Kleidungsstück in dieser Farbe zu tragen. Bewege ich mich durch den morgendlichen Berufsverkehr in öffentlichen Verkehrsmitteln, heben einige Frauen anerkennend die Augenbrauen und so mancher männliche Blick folgt dem roten Teil. „Man hat dich schon gesehen, als du ausgestiegen bist“, dies sagte mir mein Bruder, als er mich in jenem Herbst am Bahnsteig der Deutschen Bahn abholte. In der Masse aus schwarzen und grauen Mänteln, Capes und Jacken stach ich hervor wie ein Kanarienvogel in den tristen Häuserschluchten New Yorks. Und da ich sowieso nur knapp 1,60 m groß bin, kann ich in der Menge nicht mehr so leicht verloren gehen 🙂

Dennoch ist ein roter Mantel weniger aufdringlich und schrill wie andere ein Kleidungsstück dieser Art in anderen Knallfarben: In Gelb oder beispielsweise Grün. Zwar ist der marineblaue oder königsblaue Mantel ebenso ein Klassiker, der zweifellos in jede Fashionista-Garderobe gehört. Doch es gibt einfach nichts Schöneres, als im Herbst in der Natur unterwegs zu sein und mit den gelben, orangenen und goldenen Blättern um die Wette zu leuchten. Da wird einem immer warm (ums Herz) sein – unabhängig von jeglicher Außentemperatur. Blau wirkt im Vergleich zu Rot stets kühler und distanzierter, passt sich somit der tristen Stimmung des Winters an.

Nachweislich hebt das Teil deshalb auch (meine) Stimmung: Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn es das Wetter zulässt, meinen Lieblingsmantel zu tragen. Von einem Ohr zum anderen grinsend marschiere ich durch die Innenstadt und genieße die Wirkung, die er auf mich und meine Umgebung hat.

Deshalb lohnt es sich immer, in einen roten Mantel zu investieren. Den Kauf habe ich noch nie bereut.

(Ach…und für die Fashionistas unter meinen Lesern: An einem solchen Mantel lässt sich ein aktueller Trend bestens umsetzen: Das Comeback der Brosche! An meinem Mantelkragen trage ich zum Beispiel eine Spotttölpelbrosche (fangirl moment!). Für Unwissende erscheint sie als eine ganz normale Schmuckbrosche mit Tiermotiv – doch für Wissende ist es ein Bekenntnis: Ich bin Teil der Rebellion!)

Ein Dankeschön auch an die Fotografin. Die Bilder hat meine liebe Freundin Isabel in Ulm mit mir gemacht.

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Narciso Rouge. Feminin, blumig mit Moschusnote. Ein schwerer Duft, aber ich liebe ihn

Und wie sieht es bei euch aus? Gibt es in eurem Kleiderschrank auch so ein Teil?

Von Hosengrößen und anderen Feinden: Shopping 2.0

Ich weiß nicht, ob es unbedingt ratsam ist, meinen ersten Modeartikel auf diesem Blog mit einem Text zu eröffnen, der Mode- und Konsumverhalten im Eigentlichen kritisiert und dessen Schattenseiten (zwar auf humorvolle Weise, aber dennoch) beleuchtet. Ebenso kontraproduktiv wäre es ja, würde ein Fleischesser damit beginnen, die Vorteiler des Vegetarierdaseins aufzuzählen, um sein Gegenüber davon zu überzeugen, hemmungslos dem Fleischverzehr zu frönen.

aAber vielleicht ist diese Herangehensweise der Angelegenheit nicht ganz so abträglich, wie anfangs angenommen. Die Absicht, für das Thema zu sensibilisieren und mit einem kritischeren Blickwinkel zu starten erhöht – so finde ich – denn Mehrwert des ganzen Unterfangens. Denn eigentlich ist es doch etwas Gutes, wenn man zeigen kann, dass man mit einem bewussten und selbstkritischen Blick mit Mode umzugehen versucht. Und dabei ist die Erkenntnis der erste Schritt zu Besserung. Ich will kein unbedachtes Konsumopfer und Modepüppchen sein, dass sich in die Heerscharen von naiven Mädchen einreiht, die entweder keine Ahnung haben, was in der Modebranche abgeht oder ignorant die Augen davor verschließen. Wenn es möglich ist, würde ich gerne alle Facetten abdecken. Aber jetzt einmal zum Wesentlichen:

Vor einiger Zeit war ich mit einer guten Freundin einkaufen. Das hatte ich schon längere Zeit (eigentlich waren es nur 4 Wochen) nicht mehr gemacht, weshalb ich mich sehr darauf freute und schon den Siegestaumel in mir aufsteigen fühlte, den eine neue, grandiose Shopping-Trophäe für gewöhnlich auslöst. Also ab in den nächsten Laden!

Erst einmal drinnen, steuerte ich zielstrebig den Stapel mit den Jeans an, obwohl ich mir schon einige Zeit vorher eine wundervolle, perfekt sitzende gegönnt hatte (was für eine Seltenheit, ihr kennt sicherlich das Problem). „Aber egal“, dachte ich mir. Jahrelang hatte ich Probleme damit gehabt, Hosen zu kaufen. Eigentlich war das ein Gewichtsproblem gewesen, das wollte ich mir damals aber nicht eingestehen. Es war halt doch immer die Hose, der Laden oder das Wetter schuld. Aber als ich letztes Jahr diesen einen Laden für mich (und meine Schenkel) entdeckte, war es um mich geschehen. Endlich hatte ich einen Ausweg aus dem verwirrenden Labyrinth der Hosengrößen gefunden! Wer weiß denn schon, dass der Waschzettel Weite und Länge angibt? (Was bedeutet jetzt 28/32? Die europäische Größentabelle beginnt doch erst bei 32! ) Und dann ist das auch noch in jedem Geschäft anders.[1]  Ich hatte nie zuvor eine solche Hose anprobiert, allein aus Angst, am Ende in der Umkleidekabine mit einer Hose zu stehen, die mir entweder nicht über die Schenkel passte oder so groß war, dass ich mühelos ein drittes Bein reinpacken könnte. Außerdem kann ich ja nicht einen Stapel von 10 Hosen in die Umkleidekabine schleppen, in der minimalen Hoffnung, dass auch nur eine annähernd passt und ich nicht, wie bei Hunkemöller, am Ende peinlich berührt, demütig auf den Boden schauend und frustriert den ganzen anprobierten Haufen auf den Rückgabetisch vor der Verkäuferin ablegen muss und vergeblich versuche, ihrem vielsagenden und verurteilenden Blick auszuweichen. Es gab sie doch,  die Jeans, die ich nicht unten umkrempeln und oben mit einem Gürtel enger schnallen musste![2] Diese Erkenntnis nun stetig folgend, kann ich von Jeanshosen aus besagtem Laden nicht genug bekommen.

Nachdem ich also eine Hose in 28/30 aus dem Stapel gezogen hatte, schritt ich triumphierend hinter den Vorhang. Diesen Prozess betrachtete ich jedoch nur noch als Formalität. (In meinen Gedanken hatte ich die Hose schon längst gekauft.) Dann kam der große Schock: Sie war zu groß! „Das wird ja heute immer besser“, dachte ich und beauftragte die Verkäuferin, mir die Hose eine Nummer kleiner zu bringen (Yay!!). Mit leeren Händen kehrte sie zurück und ich war (beinahe) am Boden zerstört. Und genau an diesem Punkt beginnt ein mentales Prozedere, von dem ich glaube, dass es von so ziemlich jeder Frau schon einmal angewendet wurde. Ich nenne es:

 „Das Schönreden“.

Dieser Vorgang tritt immer dann ein, wenn man ein richtig tolles Teil entdeckt hat, sich aber nicht damit abfinden möchte, dass es nicht in der eigenen Größe verfügbar ist. Dabei wird versucht, sich selbst und die eventuelle Shoppingbegleitung davon zu überzeugen, dass das Teil doch irgendwie passt.[3] Zu meiner Freundin sagte ich zwar, ich wisse noch nicht genau, ob ich die (nicht passende!!) Hose kaufen würde, doch insgeheim war das doch eine Lüge. Eine kleine. Ich wusste, ich würde sie kaufen. Einfach, weil ich sie haben wollte.[4]

Nachdem sie sich für einen tollen Pullover mit U-Bootausschnitt entschieden hatte, machten wir uns auf den Weg zu Kasse. Selig grinsend verließ ich danach den Laden und freute mich darauf, die Hose zuhause noch einmal vor dem Spiegel anzuziehen und diverse Outfits auszuprobieren.

Dort erwartete mich allerdings die harte Realität in Form meiner skrupellosen Schwester. „Die ist zu groß“, sagte sie vernichtend, nachdem ich die Jeans stolz vorgeführt hatte. Ich zog einen Schmollmund. „Findest du wirklich? Aber wenn ich vielleicht…“ – „Nein!“ – „Aber…“ – „Nö, versuch‘s erst gar nicht, die ist und bleibt zu groß.“

Tja, was hatte ich mir nicht alles ausgemalt? Aber sie hatte nun einmal Recht. In Gedanken sah ich das wahre Schicksal dieser Hose vor mir: Ich würde sie in den nächsten Tagen irgendwann tragen. Einmal. Im Laufe des Tages würde ich jedoch feststellen, dass dies und jenes nicht stimmt und, dass alles mit der Größe zusammenhängt. Und dann würde sie, wie so viele andere vor ihr, auf dem Friedhof der ungetragenen Kleidungsstücke vor sich hin gammeln, bis ich mich dazu durchringen würde, sie auf dem Flohmarkt für einen ganz und gar unpassenden und unwürdigen Preis zu verscherbeln. Falls sie dann überhaupt wer haben möchte.

Also wurde ein Entschluss gefasst: Gleich morgen würde ich sie zurückgeben. Über Nacht versuchte ich mich mehr oder weniger vergeblich emotional auf den Verlust dieser wundervollen Hose einzustellen, die gar nicht so wundervoll war. Wir hätten ein schönes gemeinsames Leben gehabt.

Das hat dann aber doch nicht so ganz geklappt. Aus terminlichen Gründen war es mir erst drei Tage später möglich, die Hose zurückzubringen. Wieder zurück im Laden, stellte ich mich meinem Schicksal. Doch irgendetwas hatte sich verändert. Die erste Verliebtheit, das Gefühl der vollkommenen Befriedigung war irgendwie… abgeflaut. Ich hatte mich an die Präsenz der Hose gewöhnt und war inzwischen bereit für was Neues. Als ich mich während des Umtauschprozesses, bei dem ich Name, Alter, Adresse, Rückgabegrund, Blutgruppe, Krankenkassen- und Sozialversicherungsnummer vorlegen musste, ließ ich den Blick unwillkürlich durch den Laden schweifen. Was ich mir nun alles von dem Geld kaufen konnte, das ich gleich zurückerhalten würde![5] Es war, als ob ich unverhofft ein bisschen Geld von meiner Oma zugesteckt oder auf der Straße gefunden hatte! Ein Gedanke begann in mir zu reifen. Das könnte ich ja noch viel öfter machen: Etwas kaufen, das ich gerne haben würde, ein paar Tage bei mir liegen lassen und mich daran gewöhnen und dann wieder zurückgeben, etwas Neues entdecken, wieder mitnehmen…

HALT, Stopp!!

In diesem Moment wurde mir aber klar, was ich da eigentlich gedacht hatte. Ich war ja schon übergeschnappt. Das hat ja schon was von einem Bulimiekranken. Erst etwas essen, auf diese Weise ein Bedürfnis befriedigen und das Ganze ein wenig später wieder erbrechen, weil man nicht mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben will. „Nein, so geht das wirklich nicht“, schimpfte ich mich selbst. Ganz oder gar nicht, ich will keine halben Sachen machen. Und damit verscheuchte ich den Gedanken auf nimmer Wiedersehen.


[1] Und nicht nur das: Manchmal gibt es auch welche in S, M und L (übrigens US-Größen), manchmal in Doppelgrößen wie 36/38 und manchmal in Einzelgrößen. Und irgendwo existiert auch noch die britische Zahlentabelle! Wer soll denn da noch durchblicken?

[2] Und dann gibt es da noch diese komische Beule vorne am Schritt, die sich immer bildet, wenn man sich hinsetzt, so dass man aussieht, als hätte man eine überdimensionale Blase. Oder ein Kängurubaby. Oder die Genitalien eines Mannes.

[3] Daheim wird sich aber zeigen, was man schon von Beginn an wusste: Das neu gekaufte Teil landet zwar im Trophäenschrank….aber verstaubt dort wie jedes andere Kleidungsstück, das unter derselben Voraussetzung gekauft wurde – der Hoffnung, dass man doch irgendwann da reinpasst.

[4] Dazu muss gesagt sein, dass es an diesem Tag auf alle Jeans noch 20 % Rabatt gab. Mir blieb also nichts anderes übrig, als die Hose zu kaufen, ob ich wollte oder nicht.

[5] Eigentlich waren es nur 31,95 Euro, aber egal. Geld ist Geld.