Rezension „Loyalitäten“

„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet.“

Es ist fast so, als ob Delphine de Vigan in die verworrenen Köpfe der Menschen voller verwirrender Pfade schauen könnte, wenn man ihre scharfen Beobachtungen liest. „Loyalitäten“ ist ein eindrucksvolles Buch, von dessen  Sorte es deutlich mehr geben sollte. Seine  knapp 180 Seiten haben es wirklich in sich. Doch manchmal benötigt es nicht viele Worte, um jemanden aufzurütteln. Manchmal reicht auch nur ein einziger Satz: „Ich bin da.“

Delphine de Vigan ist nicht umsonst eine der gegenwärtig wichtigsten Stimmen Frankreichs. In ihrem aktuellen Buch beschreibt sie zugleich einfühlsam und schonungslos, zu welchem Schmerzempfinden und Leid die Menschen fähig sind – ob sie es sich selbst zufügen oder anderen, ob sie es wissentlich tun oder vollkommen ohne Absicht. Nicht einmal Kinder bleiben davon verschont.

Die Französin porträtiert Menschen, die gefangen sind in „Loyalitäten“, unfähig auszubrechen, zum Stillstand verdammt. Man stellt sich unweigerlich die Frage: Ist der Grund für ein solches Verhalten lediglich purer Egoismus oder wahrhaftige Loyalität? Ist es stupide Akzeptanz oder aufgezwungene Ohnmacht?

Vigan wählt dafür eine Sprache, wie sie nur sehr selten zu finden ist: Bildhaft, jedoch nicht romantisch, beschreibend, jedoch nicht zu sehr ausschmückend, bedacht, aber nicht langweilig. Im Ausdruck ist ihr Schreibstil fantastisch. Und ihre Beispiele sind derart treffend, dass es schon beinahe beängstigend ist.

Die Geschichte macht wütend, ohne einen Schuldigen zu liefern; sie macht betroffen, ohne eine wirkliche Unmittelbarkeit zuzulassen, sie macht schuldlos schuldig. Und vielleicht erreicht sie es doch, uns alle wachzurütteln.

(Rezensionsexemplar)

Zeitgenössische Worte einer Französin: Das Lächeln meiner Mutter – Delphine de Vigan


„Im Grund weiß ich nicht, welchen Sinn diese Suche hat…“ Dies schreibt Delphine de Vigan in ihrem Buch Das Lächeln meiner Mutter (2013). Auf knapp 400 Seiten arbeitet sich die französische Autorin durch das Leben ihrer bipolaren Mutter Lucile, die zeitlebens zwischen Realität und Wahn hin und her pendelte – bis sie sich für den Freitod entschied. Doch das Buch ist weit mehr als eine einfache Biographie. Es ist der Versuch über den eigenen Blick hinaus eine Familienchronik zu schreiben und nachzustellen, zu erfassen, was passiert ist und nicht unbedingt immer warum es passiert ist. Es ist ein Versuch, der Vergangenheit habhaft zu werden, ohne ein Porträt zu zeichnen, das verkehrt wirkt.

Vigan möchte kein Zerrbild ihrer Mutter schaffen, das betont sie mehrere Mal. Sie möchte „ihre Lucile“, darstellen, ihre eigene Sicht und dadurch trotzdem nicht minder reale Facette der Wahrheit.

Durch ihren Schreibstil besticht die Autorin den Leser, verwirrt ihn jedoch auch und hält ihn auf Abstand. Obwohl sie in den Abgründen der eigenen Familie verschwindet und mit brisanten Erinnerungen wieder auftaucht, deren Folgen noch bis in die Gegenwart zu spüren sind, bleibt der Stil durchweg in einer nüchternen Drastik verhaftet. Immer wieder unterbricht sie ihre Berichterstattung und erläutert den Schreibprozess selbst. Wie sie, von innerer Unruhe heimgesucht, nachts nicht schlafen kann, welche Reaktionen ihre Verwandten zeigen, als sie um Recherchematerial, Briefe und Tonbandaufzeichnungen bittet, welchen Blockaden sie sich gegenüber sieht und wie sie bis zum Ende des Romans nicht weiß, wo genau sie eigentlich hin will. Doch gerade deshalb wirkt es, als ob sich Vigan in ihren Vor- und Zwischenüberlegungen des Öfteren verliert. Diese Passagen sind nachvollziehbar und zum Großteil hilfreich, doch ebenso störend in ihrer Vielzahl.

Bis zur Hälfte der Handlung wartet der Leser auf den großen Coup. Aber der Roman kommt nicht in Fahrt, besitzt keine Pointe, keinen Höhepunkt, keine plötzliche Wende. Denn er ist, was er ist, eine reale Leidensgeschichte ohne Happy End. Er ist schlichtweg nicht konzipiert, kein Konstrukt der Imagination. Dieser Versuch, ihre Mutter zu erfassen ist zugleich auch ein Erfassen der eigenen Person, das Erforschen der eigenen Identität und damit einhergehend der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit. Ganz explizit benennt Vigan den ersten Wahnanfall ihrer Mutter als Ursprung ihres eigenen Schriftstellerdaseins:

Ich schreibe wegen des 31. Januars 1980. Der Ursprung des Schreibens liegt genau dort, das weiß ich dunkel, in diesen wenigen Stunden, die unser Leben kippen ließen, in den Tagen davor und in der Zeit der Isolation danach.

Nichtsdestotrotz ist Das Lächeln meiner Mutter eine sensible und zärtliche Schilderung intimer familiärer Bindungen. Eine Schilderung der eigenen Mutter durch die viel zu früh erwachsen gewordene Tochter, die nicht von Hassgefühlen überlagert, sondern mit traurigen und zugleich liebevollen Momenten durchsetzt ist.

Das Buch ist – so seltsam es anfangs auch klingen mag – eine Hommage, die durch Ehrlichkeit, Offenheit und Intensität besticht. Vigan spricht aus, wozu sie zuvor nie in der Lage war. Sie wird Sprachrohr für ein Thema, dass in der Gesellschaft noch zu keinem Zeitpunkt präsent war – obwohl offenkundig viel zu viele Schicksale davon betroffen zu sein scheinen.