„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet.“
Es ist fast so, als ob Delphine de Vigan in die verworrenen Köpfe der Menschen voller verwirrender Pfade schauen könnte, wenn man ihre scharfen Beobachtungen liest. „Loyalitäten“ ist ein eindrucksvolles Buch, von dessen Sorte es deutlich mehr geben sollte. Seine knapp 180 Seiten haben es wirklich in sich. Doch manchmal benötigt es nicht viele Worte, um jemanden aufzurütteln. Manchmal reicht auch nur ein einziger Satz: „Ich bin da.“
Delphine de Vigan ist nicht umsonst eine der gegenwärtig wichtigsten Stimmen Frankreichs. In ihrem aktuellen Buch beschreibt sie zugleich einfühlsam und schonungslos, zu welchem Schmerzempfinden und Leid die Menschen fähig sind – ob sie es sich selbst zufügen oder anderen, ob sie es wissentlich tun oder vollkommen ohne Absicht. Nicht einmal Kinder bleiben davon verschont.
Die Französin porträtiert Menschen, die gefangen sind in „Loyalitäten“, unfähig auszubrechen, zum Stillstand verdammt. Man stellt sich unweigerlich die Frage: Ist der Grund für ein solches Verhalten lediglich purer Egoismus oder wahrhaftige Loyalität? Ist es stupide Akzeptanz oder aufgezwungene Ohnmacht?
Vigan wählt dafür eine Sprache, wie sie nur sehr selten zu finden ist: Bildhaft, jedoch nicht romantisch, beschreibend, jedoch nicht zu sehr ausschmückend, bedacht, aber nicht langweilig. Im Ausdruck ist ihr Schreibstil fantastisch. Und ihre Beispiele sind derart treffend, dass es schon beinahe beängstigend ist.
Die Geschichte macht wütend, ohne einen Schuldigen zu liefern; sie macht betroffen, ohne eine wirkliche Unmittelbarkeit zuzulassen, sie macht schuldlos schuldig. Und vielleicht erreicht sie es doch, uns alle wachzurütteln.
(Rezensionsexemplar)