Monthly Recap: Oktober

And my song, it goes on just like the ocean,

It might calm somedays but it never really dies

All I tried to say remains unspoken

And the melody keeps waiting for the tides.

Renn –Heartache and a song

Okay, ich gebe es zu, ich habe schon wirklich lange keinen Monthly Recap verfasst. Und das, obwohl diese Kategorie meines Blogs doch eigentich zu meinen liebsten gehört. Aber der Alltag hat einen häufig so sehr im Klammergriff, dass man den Dingen, die man gerne tut, nicht immer auch die Zeit widmen kann, die sie verdienen.

Deshalb gibt es jetzt einen extra langen Monatsrückblick – denn im Oktober ist Einiges passiert. Anfang des Monats war ich mit meiner Schwester im Europapark. Als Kind, das im Südwesten Deutschlands aufwachsen durfte, war der „Weltbeste Erlebnispark“ (dafür wurde er schon mehrfach ausgezeichnet) immer nur einen Katzensprung entfernt. Doch gerade deshalb waren wir in den vergangenen Jahren in den anderen Parks Deutschland unterwegs, sodass wir „unseren“ schon sehr vermisst haben. Mit neuen Atraktionen konnte der Park dieses Jahr nicht aufwarten, Altes hat sich jedoch sehr bewährt. Was mich außerdem sehr begeistert hat, war die einzigartige und geradezu opulente Herbst- und Halloweendekoration. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen: Bunte Kürbisse überall, riesige Sangfiguren, anthropomorphe Maiskolben mit Menschengesichtern, Gruselgestalten, schwarze Spinnen, goldgelbe Heuballen…der Park hat sich selbst übertroffen. Allein wegen der wunderschönen Gestaltung würde ich es jedem ans Herz legen, einen Besuch außerhalb der Sommerhauptsaison zu machen. Außerdem gab es am Nachmittag eine schaurig-schöne Halloweenparade, die mein Herz höher schlagen ließ.

Jetzt habe ich schon so schön vom Herbst geschwärmt, dabei war der Sommer im Oktober für mich noch längst nicht vorbei, denn mein diesjähriger Sommerurlaub hat sich…ein wenig nach hinten verschoben. Mit meinem Vater bin ich für eine Woche nach Spanien, genauer, nach Malaga geflogen und habe mich eine Woche so richtig schön ausgeruht. Von morgens nach dem Frühstück bis abends vor dem Dinner lag ich am Strand und am Pool und habe gedöst, gelesen und die warmen Sonnenstrahlen genossen. Es war einfach herrlich! Mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) ist nicht wirklich kleiner geworden, obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe. An zwei Tagen haben wir auch noch größere Ausflüge unternommen: Zum einen sind wir den „Caminito del Rey“ gelaufen, einen alten, drei Kilometer langen Klettersteig in der Nähe von Álora in der Provinz Malaga, der heute ein sehr gut besuchter und beeindruckender Wanderweg ist. Er führt in etwa 100 Meter Höhe entlang steiler Wände durch zwei bis zu 200 Meter tiefe schmale Schluchten. Insgesamt 7 km sind wir an diesem Tag gelaufen.

Zum anderen – und das war der eigentliche Grund für unseren Besuch – haben wir die Alhambra besichtigt. Die alte Nasridenpalastanlage und der Sommerpalast Generalife gehört zum Weltkulturerbe und sind eine der am häufigsten besuchten Touristenatraktionen Europas. Wichtig: Man sollte vorab eine geführte Tour buchen (sonst kommt man vor allem in der Hauptsaison nicht einmal hinein) und am besten morgens starten. Wunderschön, beeindruckend und definitiv einen Besuch wert, aber auch (leider) sehr touristisch. Man sollte also wissen, worauf man sich einlässt 😛

Als Bücherliebhaberin, Leseratte und Germanistin habe ich es mir dieses Jahr natürlich auch nicht nehmen lassen, die Frankfurter Buchmesse zu besuchen. Rückwirkend gesehen hätte ich das Publikumswochenende besser meiden sollen, denn der Andrang war 2019 noch stärker als 2018. Was mitunter dem Umstand geschuldet sein muss, dass zum ersten Mal der Samstag auch zum Buchverkauf geöffnet war. Doch das war es wert, denn dieser Samstagabend hielt mein persönliches Messehighlight bereit: Die allererste Literaturgala mit hochkarätigem Besuch! Mit dabei waren internationale Autorengrößen wie Elif Shafak, Maja Lunde, Ken Follett und…Margaret Atwood! Die ganzen Tage über hatte ich meine Ausgabe der Zeuginnen übers Messegelände geschleppt, um ein Autogramm zu ergattern, musste aber erfahren, dass alle Autoren dafür abends leider nicht zu Verfügung stehen. Zunächst war ich sehr entäuscht, doch dann entdeckte ich, dass meine Sitznachbarin eine signierte Ausgabe in den Händen hielt. Als ich mich danach erkundigte, erfuhr ich, dass man im Foyer bereits signierte Ausgaben erstehen konnte. Zweimal dasselbe Buch kaufen – bei aller Liebe – wollte ich nicht, flitzte aber ganz schnell hinaus, um mir den neuen Roman von Maja Lunde zu ergattern. Gott sei Dank hatte ich das nicht schon zuvor am Bahnhof getan, wie ich es eigentlich vorgehabt hatte.

Margaret Atwood bei der Literaturgala
Bei den Dursleys konnte ich auch kurz reinschauen 🙂
Der Künstler Sebastian Meschenmoser spricht über die neue illustrierte Ausgabe von „Die unendliche Geschichte“ (die natürlich auch schon in meinem Regal steht:))
Die Ullstein-Eule!

Übrigens: Auch meine zeitgenössische Lieblingsdichterin Julia Engelmann durfte ich bei einer Lesung ihres neuen Buchs Keine Ahnung, ob das richtig ist persönlich kennenlernen. Obwohl mir die äußeren Umstände einen gehörigen Strich durch die Rechung machen wollten. Genaueres erfahrt ihr hier: //www.instagram.com/p/B3xQuBAotpY/

An diesem Punkt muss ich meine aktuelle Hörbuchliebe mit euch teilen: Als ich vergangenes Jahr während meiner Masterarbeit Probleme mit dem Einschlafen hatte, habe ich begonnen, Hörbücher zu hören. Mir hat das damals sehr geholfen. Dumm war nur, dass ich immer den richtigen Moment verpasst habe, um es rechtzeitig auszuschalten, sodass ich immer ewig zurückspulen musste. Seit drei Monaten habe ich deshalb Audible und bin sehr zufrieden damit. Der Mitgliedbeitrag lohnt sich für mich – inzwischen höre ich auch auf dem Arbeitsweg und beim Sport. Jetzt gerade ist es Circe von Madeline Miller. Ein Hörbuch im Monat reicht mir inzwischen nicht mehr 🙂 Meine zuletzte gehörten Titel findet ihr unten in der Liste.

Und last but not least: Meine Geschwister und ich haben unseren Eltern dieses Jahr eine Musicalbesuch zum Geburtstag geschenkt. Gemeinsam sind wir deshalb vorletzte Woche in Aladdin in Stuttgart gegangen. Ehrlich gesagt, finde ich keine Worte, um zu beschreiben, wie toll ich das fand. Ich war so überwältigt, saß zwischendurch mit offenem Mund da und staunte wie ein Kind. Sollte ich je Geld für dieselbe Sache zweimal ausgeben, dann für dieses Musical. Eine Woche später kaufte ich mir die Disney-DVD dazu und höre nun die Musicalnummern rauf und runter…wenn ihr also auf Musicals steht, ist Aladdin definitiv ein Muss!

Eine Sache habe ich jetzt noch unerwähnt gelassen: Letzte Woche hatte ich die Ehre und große Freude, die beiden Musiker der Kölner Band Mrs Greenbird live singen hören zu dürfen. Es war eine kleine Location mit kaum 100 Besuchern, die Atmosphäre privat und „wie im Wohnzimmer“. So sehr ich große Konzerte feiere, so sehr genieße ich diese „intimen“ Momente. Sie hatten einen Voract dabei, den Singer/Songwriter Renn aus Nashville. In der Pause kam ich kurz mit ihm ins Gespräch, er ist ein super netter Kerl und zum ersten Mal in Deutschland (die Verse am Anfang des Artikels sind übrigens von ihm). Alle drei machen wirklich tolle Musik, die ich seither ebenfalls ohne Pause höre. Danke deshalb an meine beste Freundin, die mich zum Konzert mitgenommen hat.

Wie ihr seht, der Oktober hatte es kulturtechnisch wirklich in sich. Halloween habe ich natürlich auch gefeiert, aber das sollte für diejenigen, die meinen Februarrückblick gelesen haben, keine Überraschung sein 🙂 Der November wird wahrscheinlich ebenso wenig beschaulich: Mein Geburtstag steht an, zudem noch ein Konzert, außerdem die Weihnachts(geschenk)planung….ich freu mich drauf. Und ihr?

Eure Jenny

  • Gesehen/Erlebt:

Europapark

Frankfurter Buchmesse

Malaga und die Alhambra in Granada

Berlin. I love you

Der Trafikant

  • Gelesen:

Anne Freytag – Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte

Julia Engelmann – Keine Ahnung, ob das richtig ist

Margaret Atwood – Der Report der Magd

  • Gehört:

Renn – King of California

Madeline Juno – Was bleibt (Album)

Taylor Swift – Lover (Album)

Mrs Greenbird – Dark Waters (Album)

Sarah J. Maas – Trone of Glass. Die Sturmbezwingerin, Der verwundete Krieger und Herrscherin über Asche und Zorn

  • Gekauft:

Maja Lunde – Die letzten ihrer Art

Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Live simply – Bloom Wildly (Buch)

Lesezeichen: „Was würde Frida tun?“

Ich sitze an meinem PC und schreibe eine kurze Rezension, die ich auf Amazon und Lovelybooks veröffentliche. Ich denke mir, sie ist für meinen Blog zu kurz, für Instagram zu lang…doch ich würde damit gerne noch etwas anderes machen. Plötzlich kommt mir eine Idee: Wie wäre es mit einer neuen Rubrik für den Blog? Schnell ist auch ein passender Name gefunden: „Lesezeichen“.

Ohne viele Umschweife präsentiere ich euch nun den ersten Artikel dieser Rubrik. Sie ist für all jene, die sich nicht mit langen, ausschweifenden Artikeln auseinandersetzen möchten. Ich hoffe, sie gefällt euch 🙂

Was würde Frida tun? 55 Life Lessons von den coolsten Frauen der Weltgeschichte

Frauen aus aller Welt und aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte vereint in einer kleinen Fibel zu mehr (Selbst)bewusstsein: Was würde Frida tun? (https://bit.ly/2PkZJcg) ist ein kurzweiliges, kleines Lexikon, das nicht nur die Biografie einzelner Frauen wiedergibt. Mit dabei sind auch 55 Lebenslektionen, die den Weg in ein entspannteres, selbstbestimmtes Leben ebnen sollen.

Kurven sind die reizvollsten Verbindungen zwischen zwei Punkten.

Mae West, S. 33

Natürlich sind viele bekannte Figuren dabei – Frida Cahlo und Emily Dickinson zum Beispiel – doch auch viele unbekannte und nicht minder interessante Frauen haben ihren Weg in das Buch gefunden. Neben Hinweisen zum Leben der jeweiligen Person finden sich auch Informationen zu politischen und historischen Ereignissen, was mir sehr gut gefallen hat. So wird die jeweilige Biografie gut in den Kontext miteingebettet.

Comicartige Porträtzeichnungen und gut ausgewählte Zitate laden zum Nachforschen ein, die Gestaltung ist bunt, poppig und sehr modern.

Was mir ein wenig bitter aufstößt, ist die Tatsache, dass sich das Buch in den momentanen Trend der #metoo-Selbstbewusstseins-Frauen-Feminismus-Bücher einreiht, ohne daraus hervor zu stechen. Da gibt es durchaus Titel, wie The Future is Female (https://bit.ly/2PlohC4) oder Powerfrauen (https://bit.ly/2MONR0v), die das besser machen.

Durch die etwas saloppe Schreibweise und teilweise flappsige Wortwahl eher etwas für ein jüngeres, ungelerntes Publikum oder all jene, die einen leichten Einstieg in die Materie suchen. Manchmal wirkte die „Life Lesson“ ein wenig erzwungen, doch die positive Absicht, die hinter dem Titel steckt, hat mich überzeugt.

Nell Lyshons „Die Farbe von Milch“

Von bestechender Menschenkenntnis und bedingungsloser Ehrlichkeit: Eine etwas andere Rezension

„Manchmal ist es gut wenn man ein Gedächtnis hat denn das ist die Geschichte des eigenen Lebens und ohne Gedächtnis hätte man gar nichts. Aber manchmal da bewahrt das Gedächtnis Dinge auf die man lieber nicht mehr wüsste und egal wie sehr man sich anstrengt sie aus dem Kopf zu kriegen sie kommen immer wieder zurück.“ (S. 163)

Die blutjunge, unbedarfte und etwas geistlose Mary sagt, was sie denkt. Immer. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Damit ist sie zu etwas in der Lage, das wir, die Menschen des 21. Jahrhunderts, nicht mehr zu können scheinen. Sie ist uns in diesem einen, wichtigen Punkt überlegen, obwohl sie in den frühen Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts als Teil der untersten Gesellschaftsschicht geboren worden ist.

Es mag also auf den ersten Blick einfältig erscheinen, dass sie spricht, ohne vorher zu denken. Was berechtigt sie denn dazu? Bildung? Stand? Geschlecht? Nichts von alledem. Dies mag auch ihrem einfachen, arbeitssamen Leben als Bauernmädchen und ihrem Dasein als jüngste von vier Schwestern zu Schulden sein. Doch so ist es nicht, ein solches Urteil wäre zu simpel. Mir drängt sich an diesem Punkt die Vermutung auf, ob sie nicht die klügste Person in der gesamten Geschichte ist. Denn durch ihre unverblümte Art lockt sie ihr Gegenüber ungewollt gekonnt aus der Reserve, gelangt an eine Machtposition im Wortgefecht, die sie nicht einmal angestrebt hat. Sie versteckt sich nicht hinter scheinheiligen Höflichkeitsfloskeln und falscher Freundlichkeit, egal, welche Konsequenzen ihr auch drohen. Sie ist bedingungslos ehrlich. Und genau aus diesem Grund kommt sie damit auch durch – fast.

So äußert sie dem gesellschaftlich höhergestellten Sohn ihres Arbeitgebers gegenüber: „Es ist nicht nötig dass du dich bei mir entschuldigst, sage ich. Der Mensch bei dem du dich gern entschuldigen würdest ist jetzt weg, das ist also zu spät. Du musst eben über die Dinge nachdenken bevor du sie tust und sagst.

Er lächelte Du änderst dich nie, oder?

Nein, sage ich. Aber du solltest das vielleicht.“ (S. 130)

Offenbar besitzt das unterschätzte Mädchen eine herausragende Beobachtungsgabe und eine gute Menschenkenntnis. Sie ist so scharfsinnig wie scharfzüngig – obwohl das erst auf den zweiten oder dritten Blick ersichtlich wird. Das zeugt von wahrer Charakterstärke. Genau deshalb ist die Die Farbe von Milch auch so spannend. Manch einer mag sie vielleicht als ungeformt bezeichnen, und das ist Mary zweifellos. Sie ist ein ungeschliffener Diamant. Ihr ist jegliche Bildung fern. Doch sollte man sich überlegen, zu welch außergewöhnlichen Erkenntnissen sie fähig wäre, würde sie ihr angelegtes Potenzial vollends ausschöpfen. Ihr Dienstherr, der Pfarrer, äußert irgendwann, Mary besäße „eine gewisse angeborene Schärfe oder Geist“ (S. 132), womit er meine These untermauert.

Marys Charakter wird ihr schließlich zum Verhängnis.

Sprachlich bewegt sich die Autorin absichtlich auf einem sehr niedrigen Level. Sie benutzt kaum Kommata und kein Anführungszeichen. Schließlich kann die Protagonistin zu Beginn weder lesen noch schreiben. Aus Sicht der autodiegetischen Erzählerin – Mary – schildert sie die Ereignisse. Zunächst plätschert die Handlung nur so dahin, man weiß nicht wirklich, wo die Autorin hin möchte. Der Erzählfluss selbst wird wiederholt durchbrochen von akuten Überlegungen in der Jetzt-Zeit, denn Mary schreibt ihre Geschichte in eben diesem Moment nieder. Dem Leser gegenüber hat sie ebenfalls absolute Ehrlichkeit versprochen. Und das macht sie in ihren eindringlichen Anreden deutlich. Sie hält sich daran, wenn auch nicht immer beim ersten Mal. Sie wird zwischendurch zu einer unzuverlässigen Erzählerin. Letztendlich hat sie  ja auch keinen Grund zu lügen, wie sie selbst sagt.

Neben der Schicksalsgeschichte einer Einzelperson gibt Leyshon ein ebenfalls gut beobachtetes Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts. Sie thematisiert die damalige Rolle bzw. die Machtlosigkeit der Frau dem Mann gegenüber.

Letztendlich ist Die Farbe von Milch ein wirklich gutes Buch, das sich mit der immer noch aktuellen und ungebrochen wichtigen Thematik der Frauenbehauptung und Empowermentbewegung befasst. Es ist voller Tiefgang – auch, wenn das Cover und der Titel mit einer kontrastierenden Blässe und Farblosigkeit arbeiten. Fans von Margarete Atwoods „Alias Grace“ werden eine Ähnlichkeit erkennen, nicht nur, weil die Protagonistinnen denselben Namen tragen.

Übrigens: Von dem Roman gibt es seit März eine tolle Taschenbuchausgabe vom Heyne Verlag 🙂

Rezension „Loyalitäten“

„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet.“

Es ist fast so, als ob Delphine de Vigan in die verworrenen Köpfe der Menschen voller verwirrender Pfade schauen könnte, wenn man ihre scharfen Beobachtungen liest. „Loyalitäten“ ist ein eindrucksvolles Buch, von dessen  Sorte es deutlich mehr geben sollte. Seine  knapp 180 Seiten haben es wirklich in sich. Doch manchmal benötigt es nicht viele Worte, um jemanden aufzurütteln. Manchmal reicht auch nur ein einziger Satz: „Ich bin da.“

Delphine de Vigan ist nicht umsonst eine der gegenwärtig wichtigsten Stimmen Frankreichs. In ihrem aktuellen Buch beschreibt sie zugleich einfühlsam und schonungslos, zu welchem Schmerzempfinden und Leid die Menschen fähig sind – ob sie es sich selbst zufügen oder anderen, ob sie es wissentlich tun oder vollkommen ohne Absicht. Nicht einmal Kinder bleiben davon verschont.

Die Französin porträtiert Menschen, die gefangen sind in „Loyalitäten“, unfähig auszubrechen, zum Stillstand verdammt. Man stellt sich unweigerlich die Frage: Ist der Grund für ein solches Verhalten lediglich purer Egoismus oder wahrhaftige Loyalität? Ist es stupide Akzeptanz oder aufgezwungene Ohnmacht?

Vigan wählt dafür eine Sprache, wie sie nur sehr selten zu finden ist: Bildhaft, jedoch nicht romantisch, beschreibend, jedoch nicht zu sehr ausschmückend, bedacht, aber nicht langweilig. Im Ausdruck ist ihr Schreibstil fantastisch. Und ihre Beispiele sind derart treffend, dass es schon beinahe beängstigend ist.

Die Geschichte macht wütend, ohne einen Schuldigen zu liefern; sie macht betroffen, ohne eine wirkliche Unmittelbarkeit zuzulassen, sie macht schuldlos schuldig. Und vielleicht erreicht sie es doch, uns alle wachzurütteln.

(Rezensionsexemplar)

Monthly Recap: Februar


Oh, she’s sweet but a psycho
A little bit psycho
At night she’s screamin‘
„I’m-ma-ma-ma out my mind“
Oh, she’s hot but a psycho
So left but she’s right though
At night she’s screamin‘
„I’m-ma-ma-ma out my mind“

Ava Max „Sweet but psycho“

Ok, ich weiß, diesen Monat bin ich mit meinem Rückblick wirklich spät dran. Aber ich habe auch eine gute Ausrede parat. Eine wirklich gute. Damit werde ich die Geister vermutlich scheiden und mir nicht unbedingt neue Freunde machen, aber ich muss zugeben, dass ich im Februar zu den wahren „Narren“ gehöre.

„Zicke-zacke, Zicke-zacke,…“

„Heuheuheu!!“

„Nari“ –

„Naro“

Na, wer kennt diese Worte? 🙂 Die meisten werden sie erkannt haben, auch, wenn sie sie nicht so gerne hören wie ich.

Gerne gebe ich offen zu: Ich liebe Fasching und alles (naja, fast alles…bis auf die ganz schrägen Typen, die im Suff unkontrolliert umhertorkeln und nach einer Woche Alkoholdauerkonsum nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind), was damit zusammenhängt. Es gibt, abgesehen von ein paar Ausnahmen, so viele tolle Dinge, die den Karneval zu einem unverwechselbaren Erlebnis machen – zumindest für mich und meine Freunde. Allem voran steht für mich:

Das Verkleiden.

Jedes Jahr aufs Neue gehe ich vollkommen darin auf, mir auszudenken, in welche Rollen ich schlüpfen werde. Zu jeder Veranstaltung gehört dann natürlich auch ein extra Kostüm, das versteht sich ja von selbst. Ich war schon Indianer, Matrosin, Zirkusdirektorin, Blümenmädchen, Cowgirl, Apfel, Teufel, Engel…und dieses Jahr ging ich als 20er-Jahre Flappergirl. Dieses Kostüm gehört zu meinen absoluten Favoriten. (Und das nicht nur, weil „The great Gatsby“ zu meinen Lieblingsfilmen gehört oder man das glitzernde Kleid auch problemlos zu jedem weiteren halbwegs schicken Anlass tragen kann).

Ich bin mit dieser Kultur aufgewachsen, sie ist ein Teil von mir. Die fünfte Jahreszeit gehört halt zu meinen liebsten. Acht Jahre lang habe ich Garde und Showtanz in zwei verschiedenen Vereinen getanzt, bin bei diversen Umzügen mitgelaufen oder auf einem rot-gelben bzw. blau-weißen Wagen mitgefahren. Das Grölen von derben Faschingsliedern, das Frieren in so mancher Februarkälte und das alljährliche Verkleiden sind deshalb als fester Bestandteil in meinen Terminkalender integriert.

Um aber zu meiner Ausrede zurückzukommen: Die ausgiebige Planung und Durchführung des Karnevals 2019 hat schlicht und einfach meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Aber noch länger wollte und konnte ich den Blog nicht vernachlässigen, dazu schreibe ich zu gerne.

Anfang dieses Monats bin ich auch ganz schön in Deutschland herumgekommen: So war ich nicht nur in Offenburg und Ulm unterwegs (wo ich mich mit einer guten Freundin getroffen habe), sondern auch in Köln (aber noch vor Fasching. In der Hochburg wäre es selbst mir zu viel geworden). Meine Schwester und ich waren auf einem Konzert von Hayley Kiyoko. Wer soll das sein, werden sich hier vielleicht ein paar Leute fragen. Kennt ihr noch „Lemonade Mouth“? Für Millenials wie mich ist das eine der späteren Disneyproduktionen. Ein bisschen wie „High School Musical“, nur nicht ganz so schnulzig. Hayley spielt darin eine aufmüpfige, aber unterdrückte Teenagerin, die letztendlich ihre Erfüllung und neue Freunde in der gleichnamigen Band findet. In den vergangenen Jahren hat sich die Schauspielerin und Sängerin echt gemacht und wird in der Szene sogar als „lesbian jesus“ gefeiert. Ich muss sagen, ich habe selten eine so friedliche und coole Stimmung auf einem Konzert erlebt. Das war wirklich eindrucksvoll. Und wer eine derart wichtige Botschaft unter die Menschen bringt, den kann man nur unterstützen.

Wir sind dann auch eine Nacht in Köln geblieben und haben eines meiner Lieblingscafes dort besucht: „Herr Pimock“ in Ehrenfeld. Sollte jemand von euch mal dort sein, unbedingt den French Toast probieren! Und lasst euch auf keinen Fall den Kaffee der Rösterei „Van Dyck“ entgehen. Den trinke ich so gerne, dass ich ihn mir sogar von einer Freundin regelmäßig importieren lasse 🙂

An den Rheinterrassen

Alles in allem war im Februar also doch Einiges los.

Was mich diesen Monat sonst noch bewegt und beschäftigt hat, könnt ihr hier sehen:

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  • gelesen:

Die rote Königin – Victoria Aveyard

Gläsernes Schwert – Victoria Aveyard

Goldener Käfig – Victoria Aveyard

  • gehört:

What I need – Hayley Kiyoko

Sweet but psycho – Ava Max

TWENTY SOMETHING – Podcast von Lina Malon

  • gekauft:

The future is female – Scarlet Curtis

Die Netzwerkbibel – Tijen Onaran

Einen Büchereausweis für die Stadtbibliothek

  • gesehen:

Ulm, Offenburg, Köln

Maria Stuart

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Ich traue mich zwar kaum zu fragen…aber gibt es hier jemanden, der Fasching auch so sehr feiert wie ich?

Always wear the red one

Ein Plädoyer für den roten Mantel

Wenn mich jemand spontan auffordern würde, aus dem Stehgreif ein einziges Kleidungsstück aus meiner Garderobe auszuwählen und es zu meinem Lieblingsstück zu küren, dann würde die Wahl wohl ohne großes Zögern auf meinen heißgeliebten zinnoberroten Wollmantel fallen.

Seine auffallende Farbe und sein klassischer Schnitt, diese konträre Kombination macht ihn einfach zu einem zeitlosen und leicht zu kombinierenden Klassiker. Und das zu jeder Gelegenheit. Denn er lässt sich sowohl im Alltag gut zu schlichten Teilen tragen, als auch zu schickeren Anlässen – man muss lediglich das Schuhwerk wechseln.

Meinen roten Mantel habe ich im Herbst 2017 bei Mango ergattert – und seine Beliebtheit ist bis heute ungebrochen.

Selten wurde ich so oft auf ein Kleidungsstück angesprochen wie auf diesen einen roten Mantel. Selten hab ich derart viel positive Resonanz auf ein Teil aus meiner Garderobe erhalten.

Der rote Mantel ist das It-Piece, durch das selbst das langweiligste oder schlichteste Outfit ohne große Mühen aufgewertet werden kann. Rot ist eine Signalfarbe, fällt in der Menge auf. Ein wenig Mut gehört schon dazu, ein Kleidungsstück in dieser Farbe zu tragen. Bewege ich mich durch den morgendlichen Berufsverkehr in öffentlichen Verkehrsmitteln, heben einige Frauen anerkennend die Augenbrauen und so mancher männliche Blick folgt dem roten Teil. „Man hat dich schon gesehen, als du ausgestiegen bist“, dies sagte mir mein Bruder, als er mich in jenem Herbst am Bahnsteig der Deutschen Bahn abholte. In der Masse aus schwarzen und grauen Mänteln, Capes und Jacken stach ich hervor wie ein Kanarienvogel in den tristen Häuserschluchten New Yorks. Und da ich sowieso nur knapp 1,60 m groß bin, kann ich in der Menge nicht mehr so leicht verloren gehen 🙂

Dennoch ist ein roter Mantel weniger aufdringlich und schrill wie andere ein Kleidungsstück dieser Art in anderen Knallfarben: In Gelb oder beispielsweise Grün. Zwar ist der marineblaue oder königsblaue Mantel ebenso ein Klassiker, der zweifellos in jede Fashionista-Garderobe gehört. Doch es gibt einfach nichts Schöneres, als im Herbst in der Natur unterwegs zu sein und mit den gelben, orangenen und goldenen Blättern um die Wette zu leuchten. Da wird einem immer warm (ums Herz) sein – unabhängig von jeglicher Außentemperatur. Blau wirkt im Vergleich zu Rot stets kühler und distanzierter, passt sich somit der tristen Stimmung des Winters an.

Nachweislich hebt das Teil deshalb auch (meine) Stimmung: Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn es das Wetter zulässt, meinen Lieblingsmantel zu tragen. Von einem Ohr zum anderen grinsend marschiere ich durch die Innenstadt und genieße die Wirkung, die er auf mich und meine Umgebung hat.

Deshalb lohnt es sich immer, in einen roten Mantel zu investieren. Den Kauf habe ich noch nie bereut.

(Ach…und für die Fashionistas unter meinen Lesern: An einem solchen Mantel lässt sich ein aktueller Trend bestens umsetzen: Das Comeback der Brosche! An meinem Mantelkragen trage ich zum Beispiel eine Spotttölpelbrosche (fangirl moment!). Für Unwissende erscheint sie als eine ganz normale Schmuckbrosche mit Tiermotiv – doch für Wissende ist es ein Bekenntnis: Ich bin Teil der Rebellion!)

Ein Dankeschön auch an die Fotografin. Die Bilder hat meine liebe Freundin Isabel in Ulm mit mir gemacht.

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Narciso Rouge. Feminin, blumig mit Moschusnote. Ein schwerer Duft, aber ich liebe ihn

Und wie sieht es bei euch aus? Gibt es in eurem Kleiderschrank auch so ein Teil?

Von Hosengrößen und anderen Feinden: Shopping 2.0

Ich weiß nicht, ob es unbedingt ratsam ist, meinen ersten Modeartikel auf diesem Blog mit einem Text zu eröffnen, der Mode- und Konsumverhalten im Eigentlichen kritisiert und dessen Schattenseiten (zwar auf humorvolle Weise, aber dennoch) beleuchtet. Ebenso kontraproduktiv wäre es ja, würde ein Fleischesser damit beginnen, die Vorteiler des Vegetarierdaseins aufzuzählen, um sein Gegenüber davon zu überzeugen, hemmungslos dem Fleischverzehr zu frönen.

aAber vielleicht ist diese Herangehensweise der Angelegenheit nicht ganz so abträglich, wie anfangs angenommen. Die Absicht, für das Thema zu sensibilisieren und mit einem kritischeren Blickwinkel zu starten erhöht – so finde ich – denn Mehrwert des ganzen Unterfangens. Denn eigentlich ist es doch etwas Gutes, wenn man zeigen kann, dass man mit einem bewussten und selbstkritischen Blick mit Mode umzugehen versucht. Und dabei ist die Erkenntnis der erste Schritt zu Besserung. Ich will kein unbedachtes Konsumopfer und Modepüppchen sein, dass sich in die Heerscharen von naiven Mädchen einreiht, die entweder keine Ahnung haben, was in der Modebranche abgeht oder ignorant die Augen davor verschließen. Wenn es möglich ist, würde ich gerne alle Facetten abdecken. Aber jetzt einmal zum Wesentlichen:

Vor einiger Zeit war ich mit einer guten Freundin einkaufen. Das hatte ich schon längere Zeit (eigentlich waren es nur 4 Wochen) nicht mehr gemacht, weshalb ich mich sehr darauf freute und schon den Siegestaumel in mir aufsteigen fühlte, den eine neue, grandiose Shopping-Trophäe für gewöhnlich auslöst. Also ab in den nächsten Laden!

Erst einmal drinnen, steuerte ich zielstrebig den Stapel mit den Jeans an, obwohl ich mir schon einige Zeit vorher eine wundervolle, perfekt sitzende gegönnt hatte (was für eine Seltenheit, ihr kennt sicherlich das Problem). „Aber egal“, dachte ich mir. Jahrelang hatte ich Probleme damit gehabt, Hosen zu kaufen. Eigentlich war das ein Gewichtsproblem gewesen, das wollte ich mir damals aber nicht eingestehen. Es war halt doch immer die Hose, der Laden oder das Wetter schuld. Aber als ich letztes Jahr diesen einen Laden für mich (und meine Schenkel) entdeckte, war es um mich geschehen. Endlich hatte ich einen Ausweg aus dem verwirrenden Labyrinth der Hosengrößen gefunden! Wer weiß denn schon, dass der Waschzettel Weite und Länge angibt? (Was bedeutet jetzt 28/32? Die europäische Größentabelle beginnt doch erst bei 32! ) Und dann ist das auch noch in jedem Geschäft anders.[1]  Ich hatte nie zuvor eine solche Hose anprobiert, allein aus Angst, am Ende in der Umkleidekabine mit einer Hose zu stehen, die mir entweder nicht über die Schenkel passte oder so groß war, dass ich mühelos ein drittes Bein reinpacken könnte. Außerdem kann ich ja nicht einen Stapel von 10 Hosen in die Umkleidekabine schleppen, in der minimalen Hoffnung, dass auch nur eine annähernd passt und ich nicht, wie bei Hunkemöller, am Ende peinlich berührt, demütig auf den Boden schauend und frustriert den ganzen anprobierten Haufen auf den Rückgabetisch vor der Verkäuferin ablegen muss und vergeblich versuche, ihrem vielsagenden und verurteilenden Blick auszuweichen. Es gab sie doch,  die Jeans, die ich nicht unten umkrempeln und oben mit einem Gürtel enger schnallen musste![2] Diese Erkenntnis nun stetig folgend, kann ich von Jeanshosen aus besagtem Laden nicht genug bekommen.

Nachdem ich also eine Hose in 28/30 aus dem Stapel gezogen hatte, schritt ich triumphierend hinter den Vorhang. Diesen Prozess betrachtete ich jedoch nur noch als Formalität. (In meinen Gedanken hatte ich die Hose schon längst gekauft.) Dann kam der große Schock: Sie war zu groß! „Das wird ja heute immer besser“, dachte ich und beauftragte die Verkäuferin, mir die Hose eine Nummer kleiner zu bringen (Yay!!). Mit leeren Händen kehrte sie zurück und ich war (beinahe) am Boden zerstört. Und genau an diesem Punkt beginnt ein mentales Prozedere, von dem ich glaube, dass es von so ziemlich jeder Frau schon einmal angewendet wurde. Ich nenne es:

 „Das Schönreden“.

Dieser Vorgang tritt immer dann ein, wenn man ein richtig tolles Teil entdeckt hat, sich aber nicht damit abfinden möchte, dass es nicht in der eigenen Größe verfügbar ist. Dabei wird versucht, sich selbst und die eventuelle Shoppingbegleitung davon zu überzeugen, dass das Teil doch irgendwie passt.[3] Zu meiner Freundin sagte ich zwar, ich wisse noch nicht genau, ob ich die (nicht passende!!) Hose kaufen würde, doch insgeheim war das doch eine Lüge. Eine kleine. Ich wusste, ich würde sie kaufen. Einfach, weil ich sie haben wollte.[4]

Nachdem sie sich für einen tollen Pullover mit U-Bootausschnitt entschieden hatte, machten wir uns auf den Weg zu Kasse. Selig grinsend verließ ich danach den Laden und freute mich darauf, die Hose zuhause noch einmal vor dem Spiegel anzuziehen und diverse Outfits auszuprobieren.

Dort erwartete mich allerdings die harte Realität in Form meiner skrupellosen Schwester. „Die ist zu groß“, sagte sie vernichtend, nachdem ich die Jeans stolz vorgeführt hatte. Ich zog einen Schmollmund. „Findest du wirklich? Aber wenn ich vielleicht…“ – „Nein!“ – „Aber…“ – „Nö, versuch‘s erst gar nicht, die ist und bleibt zu groß.“

Tja, was hatte ich mir nicht alles ausgemalt? Aber sie hatte nun einmal Recht. In Gedanken sah ich das wahre Schicksal dieser Hose vor mir: Ich würde sie in den nächsten Tagen irgendwann tragen. Einmal. Im Laufe des Tages würde ich jedoch feststellen, dass dies und jenes nicht stimmt und, dass alles mit der Größe zusammenhängt. Und dann würde sie, wie so viele andere vor ihr, auf dem Friedhof der ungetragenen Kleidungsstücke vor sich hin gammeln, bis ich mich dazu durchringen würde, sie auf dem Flohmarkt für einen ganz und gar unpassenden und unwürdigen Preis zu verscherbeln. Falls sie dann überhaupt wer haben möchte.

Also wurde ein Entschluss gefasst: Gleich morgen würde ich sie zurückgeben. Über Nacht versuchte ich mich mehr oder weniger vergeblich emotional auf den Verlust dieser wundervollen Hose einzustellen, die gar nicht so wundervoll war. Wir hätten ein schönes gemeinsames Leben gehabt.

Das hat dann aber doch nicht so ganz geklappt. Aus terminlichen Gründen war es mir erst drei Tage später möglich, die Hose zurückzubringen. Wieder zurück im Laden, stellte ich mich meinem Schicksal. Doch irgendetwas hatte sich verändert. Die erste Verliebtheit, das Gefühl der vollkommenen Befriedigung war irgendwie… abgeflaut. Ich hatte mich an die Präsenz der Hose gewöhnt und war inzwischen bereit für was Neues. Als ich mich während des Umtauschprozesses, bei dem ich Name, Alter, Adresse, Rückgabegrund, Blutgruppe, Krankenkassen- und Sozialversicherungsnummer vorlegen musste, ließ ich den Blick unwillkürlich durch den Laden schweifen. Was ich mir nun alles von dem Geld kaufen konnte, das ich gleich zurückerhalten würde![5] Es war, als ob ich unverhofft ein bisschen Geld von meiner Oma zugesteckt oder auf der Straße gefunden hatte! Ein Gedanke begann in mir zu reifen. Das könnte ich ja noch viel öfter machen: Etwas kaufen, das ich gerne haben würde, ein paar Tage bei mir liegen lassen und mich daran gewöhnen und dann wieder zurückgeben, etwas Neues entdecken, wieder mitnehmen…

HALT, Stopp!!

In diesem Moment wurde mir aber klar, was ich da eigentlich gedacht hatte. Ich war ja schon übergeschnappt. Das hat ja schon was von einem Bulimiekranken. Erst etwas essen, auf diese Weise ein Bedürfnis befriedigen und das Ganze ein wenig später wieder erbrechen, weil man nicht mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben will. „Nein, so geht das wirklich nicht“, schimpfte ich mich selbst. Ganz oder gar nicht, ich will keine halben Sachen machen. Und damit verscheuchte ich den Gedanken auf nimmer Wiedersehen.


[1] Und nicht nur das: Manchmal gibt es auch welche in S, M und L (übrigens US-Größen), manchmal in Doppelgrößen wie 36/38 und manchmal in Einzelgrößen. Und irgendwo existiert auch noch die britische Zahlentabelle! Wer soll denn da noch durchblicken?

[2] Und dann gibt es da noch diese komische Beule vorne am Schritt, die sich immer bildet, wenn man sich hinsetzt, so dass man aussieht, als hätte man eine überdimensionale Blase. Oder ein Kängurubaby. Oder die Genitalien eines Mannes.

[3] Daheim wird sich aber zeigen, was man schon von Beginn an wusste: Das neu gekaufte Teil landet zwar im Trophäenschrank….aber verstaubt dort wie jedes andere Kleidungsstück, das unter derselben Voraussetzung gekauft wurde – der Hoffnung, dass man doch irgendwann da reinpasst.

[4] Dazu muss gesagt sein, dass es an diesem Tag auf alle Jeans noch 20 % Rabatt gab. Mir blieb also nichts anderes übrig, als die Hose zu kaufen, ob ich wollte oder nicht.

[5] Eigentlich waren es nur 31,95 Euro, aber egal. Geld ist Geld.

Zeitgenössische Worte einer Französin: Das Lächeln meiner Mutter – Delphine de Vigan


„Im Grund weiß ich nicht, welchen Sinn diese Suche hat…“ Dies schreibt Delphine de Vigan in ihrem Buch Das Lächeln meiner Mutter (2013). Auf knapp 400 Seiten arbeitet sich die französische Autorin durch das Leben ihrer bipolaren Mutter Lucile, die zeitlebens zwischen Realität und Wahn hin und her pendelte – bis sie sich für den Freitod entschied. Doch das Buch ist weit mehr als eine einfache Biographie. Es ist der Versuch über den eigenen Blick hinaus eine Familienchronik zu schreiben und nachzustellen, zu erfassen, was passiert ist und nicht unbedingt immer warum es passiert ist. Es ist ein Versuch, der Vergangenheit habhaft zu werden, ohne ein Porträt zu zeichnen, das verkehrt wirkt.

Vigan möchte kein Zerrbild ihrer Mutter schaffen, das betont sie mehrere Mal. Sie möchte „ihre Lucile“, darstellen, ihre eigene Sicht und dadurch trotzdem nicht minder reale Facette der Wahrheit.

Durch ihren Schreibstil besticht die Autorin den Leser, verwirrt ihn jedoch auch und hält ihn auf Abstand. Obwohl sie in den Abgründen der eigenen Familie verschwindet und mit brisanten Erinnerungen wieder auftaucht, deren Folgen noch bis in die Gegenwart zu spüren sind, bleibt der Stil durchweg in einer nüchternen Drastik verhaftet. Immer wieder unterbricht sie ihre Berichterstattung und erläutert den Schreibprozess selbst. Wie sie, von innerer Unruhe heimgesucht, nachts nicht schlafen kann, welche Reaktionen ihre Verwandten zeigen, als sie um Recherchematerial, Briefe und Tonbandaufzeichnungen bittet, welchen Blockaden sie sich gegenüber sieht und wie sie bis zum Ende des Romans nicht weiß, wo genau sie eigentlich hin will. Doch gerade deshalb wirkt es, als ob sich Vigan in ihren Vor- und Zwischenüberlegungen des Öfteren verliert. Diese Passagen sind nachvollziehbar und zum Großteil hilfreich, doch ebenso störend in ihrer Vielzahl.

Bis zur Hälfte der Handlung wartet der Leser auf den großen Coup. Aber der Roman kommt nicht in Fahrt, besitzt keine Pointe, keinen Höhepunkt, keine plötzliche Wende. Denn er ist, was er ist, eine reale Leidensgeschichte ohne Happy End. Er ist schlichtweg nicht konzipiert, kein Konstrukt der Imagination. Dieser Versuch, ihre Mutter zu erfassen ist zugleich auch ein Erfassen der eigenen Person, das Erforschen der eigenen Identität und damit einhergehend der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit. Ganz explizit benennt Vigan den ersten Wahnanfall ihrer Mutter als Ursprung ihres eigenen Schriftstellerdaseins:

Ich schreibe wegen des 31. Januars 1980. Der Ursprung des Schreibens liegt genau dort, das weiß ich dunkel, in diesen wenigen Stunden, die unser Leben kippen ließen, in den Tagen davor und in der Zeit der Isolation danach.

Nichtsdestotrotz ist Das Lächeln meiner Mutter eine sensible und zärtliche Schilderung intimer familiärer Bindungen. Eine Schilderung der eigenen Mutter durch die viel zu früh erwachsen gewordene Tochter, die nicht von Hassgefühlen überlagert, sondern mit traurigen und zugleich liebevollen Momenten durchsetzt ist.

Das Buch ist – so seltsam es anfangs auch klingen mag – eine Hommage, die durch Ehrlichkeit, Offenheit und Intensität besticht. Vigan spricht aus, wozu sie zuvor nie in der Lage war. Sie wird Sprachrohr für ein Thema, dass in der Gesellschaft noch zu keinem Zeitpunkt präsent war – obwohl offenkundig viel zu viele Schicksale davon betroffen zu sein scheinen.

Mein erster Blogbeitrag – schon wieder ein neuer Blog (!?)

Schon wieder ein neuer Blog, das mag sich der ein oder andere vielleicht denken, wenn er auf diesen hier trifft. Schon wieder ein neuer Millenial, der glaubt, seine Ansichten mit der ganzen Welt teilen zu müssen. Der glaubt, sich Geltung verschaffen zu müssen, in einer Welt, die momentan überquillt vor Meinungen, Likes, Tweeds und Kommentaren.

Hallo, mein Name ist Jenny, ich bin 25 Jahre alt und das ist meine Sicht der Dinge. Mein Blick auf die Welt. Mein Blog zu den Themen Mode, Beauty, Bücher, Zeitgeist. Alles Dinge, die die Welt schöner und facettenreicher machen.

Schon seit Jahren treibt mich die Idee um, einen eigenen Blog zu starten, doch immer fehlte es an etwas: Zeit, Motivation, geeigneten Fotos und passenden Themen. Denn es gibt so vieles, was mich begeistert und mich beschäftigt. Worüber ich schreiben will.

Nun, mit dem sich dem Ende zuneigenden Jahr 2018, dachte ich, ich beginne 2019 nicht mit zahlreichen guten Vorsätzen, die ich niemals umsetzen kann, sondern setze Ende 2018 etwas um, was ich mir schon länger vorgenommen habe: Meinen eigenen Blog.

Ich selbst lese sehr gerne Blogs von Modemenschen und Beautyqueens, von Büchernerds und Gegenwartskritikern. Jedoch habe ich eine Beobachtung gemacht: Viele Blogs behandeln lediglich nur ein Thema und gleichen sich zu sehr. Werden zu einem Einheitsbrei. Viele Beiträge sind inhaltslos und nichtssagend. Das möchte ich ändern: Ich möchte bewegen, motivieren, inspirieren. Weil ich das liebe.

Und ich hoffe, es gelingt mir.

Wünscht mir Glück!

Jenny